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Beiträge in der Regional- und überregionalen Presse

Besuch Venerable Sanghasena und Banthe Nagasena

Bhante Sanghasena ist der Gründer und Leiter des Mahabodhi-International Meditation-Centre www.mahabodhi-ladakh.org in Ladakh im indischen Himalaya. Am 22. Mai fand ein Dhammaabend in unserem Yoga und Vipassana Zentrum im Birkenhof statt. Am Dienstag besuchten sie die Schkola. Vorrangiges Ziel von Mahabodhi ist es, Kindern aus den entlegenen Hochtälern Ladakhs im indischen Himalaya eine gute und umfassende Schulbildung zu ermöglichen. Seit Gründung 1986 widmet Bhante Sanghasena diesem einzigartigen Projekt seine ganze Energie, bei dem die Lehre Buddhas als gelebtes Mitgefühl in Erscheinung tritt. Darüber hinaus engagiert sich Bhante Sanghasena und Mahabodhi in zahlreichen weiteren sozialen Projekten in Ladakh, wie der Unterstützung älterer mittellosen Menschen im Mahabodhi-Altenheim und der Förderung junger Nonnen und Mönche. Venerable Sanghasena setzt sich weltweit seit vielen Jahren für interreligiöse Verständigung ein und ist Kandidat für den Friedensnobelpreis 2018.

Knapp 50 Besucher sind gekommen.
Sächsische Zeitung - Einladung zum Dhammaabend
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Meditieren in Hartau

SZ Reporter Mario Heinke erfährt sich selbst (SZ, 4. Mai 2016)

Konzentriert und bemüht, die korrekte Körperhaltung einzunehmen, finde ich mich auf einer Gummimatte im Birkenhof wieder. Weil in Hartaus ehemaliger Kita ein Yogazentrum entsteht, nehme ich an einer Yogastunde teil, um zu erfahren, wie sich das anfühlt. „Beine durchdrücken, gerade sitzen, Fuß zum Körper“, sagt Mike Wohne geduldig und drückt mit seiner Hand auf meine Füße, während ich den Oberkörper weiter beuge. Die Kniekehlen brennen, die Ober- und Unterschenkelmuskulatur ist angespannt. „Einatmen, Ausatmen“, brummt Wohne leise. Die Vorwärtsbeuge, die mir die eigene Unbeweglichkeit schmerzvoll vor Augen führt, ist eine von zwölf Figuren, die der Yogameister in seinen Anfängerkursen vermittelt. Am Beginn solch eines Kurses steht immer die Entspannung.
In der Totenstellung, die Handflächen nach oben gerichtet liege ich regungslos mit geschlossenen Augen – wie eine Leiche im „Tatort“ – auf dem Boden. Das leise Lied einer Sängerin und die sonore Stimme des Meisters sind im Hintergrund zu hören. Er sagt mir, mit den Zehen beginnend, welche Körperteile ich fühlen und spüren soll. Die Konzentration auf die vielen Körperteile fällt mir schwer. „Yoga ist das zur Ruhe kommen der Gedanken im Geist“, sagt Wohne. Sich einzulassen, Zeit zu nehmen, das gelinge am Anfang den wenigsten. Ein typisches Anfängerproblem, so der Zittauer. „Wir stehen ständig unter Strom. Entspannen, den Geist zu konstituieren, ist das Wichtigste“. Die Entspannung endet nach einer gefühlten halben Stunde mit dem Gong der Klangschale. Ich erlerne den „Sonnengruß“. Die Bewegungsabfolge mit Hund, Katze, Kobra und so weiter bekomme ich selbst nach mehrfacher Wiederholung nicht ganz fehlerfrei hin. Die Atmung mit den Bewegungen in Einklang zu bringen, gelingt mir noch weniger. Es folgen Umkehr-, Beuge-, Dreh- und Balanceübungen, die immer wieder von Lockerungen unterbrochen werden. Der Meister achtet akribisch darauf, mich nicht zu überfordern. „Wenn es wehtut, aufhören“, sagt er fürsorglich und ergänzt: „Du musst niemandem etwas beweisen“. Seit sieben Jahren beschäftigt sich Mike Wohne fast ausschließlich mit Yoga, verbrachte die meiste Zeit in Indien und Thailand. Der Pädagoge ist geprüfter Yogameister und besitzt ein Zertifikat der Indischen Yogalehrerallianz. Nun möchte er sein Wissen weitergeben, Yogalehrer aus dem In- und Ausland in Hartau ausbilden und Yogakurse für jedermann anbieten. Dazu pachtete er die ehemalige Kindertagesstätte, die derzeit umgestaltet wird. Zwei Yogaräume, ein Massageraum und eine Bibliothek ließ Wohne mit Lehm verputzen, um das Raumklima zu verbessern. Im Eingangsbereich begrüßt der Elefantengott Ganesha die Besucher. Die Skulptur aus Indonesien wiegt eine halbe Tonne, ist mit dem Schiff nach Europa gekommen und im Flur der Mittelpunkt einer Art von Altar. „Bevor ein Inder den Tempel betritt, huldigt er Ganesha“, erzählt Wohne. Der Elefant steht für Kraft, Durchsetzungsvermögen, Energie und ist ein passendes Accessoire im Yogazentrum. Im September beginnt der offizielle Ausbildungsbetrieb. Am Mittwoch nach Pfingsten lädt Mike Wohne, der auch Gründervater der Schkola ist, alle Interessierten zu einem „Tag der offenen Tür“ in den Birkenhof ein. Ziel des Yoga sei die Erleuchtung, sagt der Meister. Die habe ich bei dem Schnupperkurs nicht gefunden, meinem Körper taten die Übungen aber gut.
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Zurück in Hartau … Yoga - Kurse starten im Frühjahr

Jan Lange in SZ vom 30.12.15

Der Erbbaupachtvertrag mit der Stadt Zittau ist zwar noch nicht unterschrieben, doch Mike Wohne ist optimistisch, dass dies in Kürze erfolgen wird. Ab März soll der ehemalige Hartauer Kindergarten Birkenhof dann als Yoga- und Meditationszentrum genutzt werden. Der von Wohne im Vorjahr gegründete Gaiatreeschool-Verein wird das gesamte Gebäude samt Außenflächen übernehmen. Der ebenfalls in dem Objekt beheimatete Birkenhof-Verein muss sich aber keine Sorgen machen: Er kann die Räume im oberen Teil des Hauses weiterhin nutzen. „Wir brauchen nicht das Gesamtgebäude, der untere Teil reicht aus“, erklärt Wohne. Es gebe so viel Platz, den keiner allein für sich in Anspruch nehmen könne. Die Übernahme des Birkenhofes sei vielmehr für den gleichnamigen Verein eine Sicherheit, dass er bleiben könne, versichert Wohne. Denn andernfalls wäre das Gebäude vielleicht abgerissen worden. Nach dem Auszug des Kindergartens wollte die Stadt das Haus ursprünglich schleifen. Das wollte Mike Wohne, der vor mehr als 15 Jahren die Schkola Hartau aufgebaut hatte, verhindern. Er wandte sich deshalb bereits vor eineinhalb Jahren an die Stadt mit der Idee, den früheren Kindergarten zu übernehmen. Nachdem das Vorhaben eine Weile in der Schublade gelegen habe, fragte der 52-Jährige im Mai dieses Jahres erneut nach.
Der Erbbaupachtvertrag mit der Stadt Zittau ist zwar noch nicht unterschrieben, doch Mike Wohne ist optimistisch, dass dies in Kürze erfolgen wird. Ab März soll der ehemalige Hartauer Kindergarten Birkenhof dann als Yoga- und Meditationszentrum genutzt werden. Der von Wohne im Vorjahr gegründete Gaiatreeschool-Verein wird das gesamte Gebäude samt Außenflächen übernehmen. Der ebenfalls in dem Objekt beheimatete Birkenhof-Verein muss sich aber keine Sorgen machen: Er kann die Räume im oberen Teil des Hauses weiterhin nutzen. „Wir brauchen nicht das Gesamtgebäude, der untere Teil reicht aus“, erklärt Wohne. Es gebe so viel Platz, den keiner allein für sich in Anspruch nehmen könne. Die Übernahme des Birkenhofes sei vielmehr für den gleichnamigen Verein eine Sicherheit, dass er bleiben könne, versichert Wohne. Denn andernfalls wäre das Gebäude vielleicht abgerissen worden. Nach dem Auszug des Kindergartens wollte die Stadt das Haus ursprünglich schleifen. Das wollte Mike Wohne, der vor mehr als 15 Jahren die Schkola Hartau aufgebaut hatte, verhindern. Er wandte sich deshalb bereits vor eineinhalb Jahren an die Stadt mit der Idee, den früheren Kindergarten zu übernehmen. Nachdem das Vorhaben eine Weile in der Schublade gelegen habe, fragte der 52-Jährige im Mai dieses Jahres erneut nach. Schließlich rückte der Auszug der Kindereinrichtung immer näher. Nun gaben die Stadträte grünes Licht für den Abschluss des Erbbaupachtvertrages. Auch der Birkenhof-Verein hatte Interesse an dem früheren Kindergarten bekundet. Ihm fehlten jedoch die finanziellen Mittel, das Gebäude auf Vordermann zu bringen. Und gemacht werden muss einiges – angefangen bei der Außenhaut, über die Fenster, bis hin zu den Sanitäranlagen. Auf rund 50 000 Euro schätzt Mike Wohne vorerst die Kosten. Nicht alles werde sofort erneuert, Stück für Stück soll das Gebäude modernisiert werden. Der ausgebildete Yoga-Lehrer geht davon aus, dass in zwei bis drei Jahren die Sanierung abgeschlossen ist. Der Start des Yoga- und Meditationszentrums sei davon nicht abhängig, erklärt Wohne. Bereits ab Frühjahr sollen erste Yoga- und Meditationskurse oder Diavorträge stattfinden. Im Herbst 2016 sollen dann auch die ersten YogaLehrer in Hartau ausgebildet werden. Die Ausbildung umfasst sechs Wochenendworkshops, die jeweils von Freitag bis Sonntag dauern, sowie eine zweiwöchige Intensivausbildung in den bestehenden Zentren des Gaiatree-Vereins in Indien oder Thailand. Die Abschlüsse seien international anerkannt, erklärt Wohne. Der 52-Jährige hatte 2009 in Odisha im Nordosten Indiens eine zweite Heimat gefunden und dort gemeinsam mit Ananta Putel die Gaiatreeschool, eine Grundschule für die Kinder der Ureinwohner, der sogenannten Adivasi, aufgebaut. Später gründete der ausgebildete Yoga-Lehrer die Yoga-Highschool zusammen mit dem buddhistischen Mahabodhi im 3 500 Meter hohen nordindischen Ladakh sowie ein Meditationszentrum in Nordthailand. Den Kontakt in die Heimat habe er nie verloren. Nun möchte Wohne seine Aktivitäten wieder etwas stärker ins Dreiländereck verlegen. Das neue Yoga- und Meditationszentrum in Hartau ist dafür die Basis. Hierher will er Menschen aus aller Welt einladen – unabhängig von ihrer Nationalität, politischen Ausrichtung, religiösen Überzeugung, Geschlecht, Alter, Kaste und politischen Herkunft. Die internationale und interkulturelle Gemeinschaft zu fördern, haben sich Mike Wohne und die anderen Mitglieder des Gaiatreeschool-Verein zum Ziel gesetzt. Das ist in seinen Augen eine der großen Herausforderungen der Zukunft. „Auch nach so vielen Jahren des friedlichen Zusammenlebens mit unseren Nachbarn Tschechien und Polen sind die Barrieren und Hindernisse noch immer größer als das Verbindende“, findet der 52-Jährige. Er pflegt nach wie vor enge Kontakte über die Grenzen. Dadurch werden sich auch für das Yoga- und Meditationszentrum rasch partnerschaftliche Beziehungen entwickeln, ist der Vereinschef überzeugt. Ganz von seiner Zweitheimat Indien wird sich der Zittauer aber nicht verabschieden, die Sommermonate will er auch weiterhin dort verbringen. In Thailand wird er ebenfalls jedes Jahr im Januar und Februar Kurse anbieten. Seine Hauptaktivitäten in Hartau werden sich auf die Monate März bis Mai und September bis Dezember beschränken. In dieser Zeit soll es neben den Kursen und Lehrgängen im Birkenhof auch Yoga-Meditations-Besinnungskurse in Schulen geben.
Artikel-URL: http://www.sz-online.de/nachrichten/zurueck-in-hartau-3285946.html
Die Förderung der Kinder- und Jugendarbeit in der Region liege den Schkola-Gründer nach eigener Aussage nach wie vor am Herzen. Meditation in der Schule sei eine wertvolle Technik zur Schulung der Konzentration. Und darum dreht sich schließlich alles. Auch deshalb wünscht er sich eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinen und Institutionen vor Ort und dem künftigen Waldkindergarten. Wie diese genau aussehen kann, werde die Praxis zeigen, meint Wohne. Er sieht aber viele gemeinsame Anknüpfungspunkte. So sei die Arbeit auf dem Birkenhof sehr naturverbunden. Yoga bedeute seinerseits, zu den Wurzeln des Lebens zurückzufinden, was auch eine Art Naturverbundenheit sei. Dass nicht die beiden Vereine gleichzeitig Kurse veranstalten, sei eine Frage der gegenseitigen Abstimmung, findet Wohne. „Wir kommen uns nicht in die Quere“, ist sich der Yoga-Lehrer sicher.
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Sächsische Zeitung berichtet aktuelle über Indien

Seit Oktober 2009 sind Anke und Mike Wohne in Indien und in anderen Ländern Asiens. In einem Gemeinschaftsprojekt zwischen der Sächsischen Zeitung und der Gaiatreeschool berichtet Mike Wohne seit Januar 2011 jeweils monatlich für die Leser und Leserinnen der sächsischen Lokalzeitung Zittau- Löbau. Alle Beiträge können sie hier nachlesen und stehen auch zum downloaden bereit.

Gaiatreeschool e.V. amm 3. Mai 2014

Zehn Mitglieder hat der am Wochenende neu gegründete Verein Gaiatreeschool e.V. schon. In den nächsten Wochen soll er nun in das Zittauer Vereinsregister eingetragen werden. Mike und Anke Wohne, die sich seit vielen Jahren im nordindischen Odisha in der Entwicklungshilfe engagieren, wollen mit Hilfe des Vereins ihren Wirkungskreis erweitern und für weitere Unterstützung und Spenden ihrer Bildungsprojekte in Indien werben. Die Kinochefin, Ilona Schaller, die in den Vorstand gewählt wurde, zum Beispiel freut sich so schon auf interessante Diavorträge in ihrem Haus.
Der Zittauer Weltladen Gaia der nicht nur Namensschwester des Vereins ist, unterstützt den jungen Verein durch den Verkauf von selbst produzierten Räucherstäbchen. Diese werden durch die indische Partnerorganisation seit einem Jahr in Heimarbeit von Frauen der Region gerollt. Mit den Einnahmen will der Verein künftig die laufenden Kosten ihrer indischen Grundschule im Westen Odishas finanzieren.
Mike Wohne, der Gründer der Schkola- Schulen, ist seit mehr als einem Jahrzehnt auch Yoga- und Meditationslehrer und arbeitet zurzeit im indischen Himalaya. Dort leitet er die Yoga Highschool des buddhistischen Mahabodhi Zentrums. In Chiang Mai, im Norden Thailands bietet er seit drei Jahren Mehrtages Schweigekurse in Vipassana- Meditation an. Mit Hilfe des neuen Vereins möchte er die Lehren und Techniken des traditionellen Hatha - Yoga in seiner Heimat weiter verbreiten helfen und Angebote zum üben machen. Dazu plant der Verein die Eröffnung eines Yoga- und Meditationszentrums im Dreiländereck für das kommende Jahr.
Der Gaiatreeschool Verein wird auch in der interkulturellen Bildung tätig. Unter dem Motto „Reisen bildet“ bietet er Bildungs- und Yogareisen nach Indien und Asien an. In diesem Sommer wird eine erste Reisegruppe bestehend aus 10 Teilnehmern ins indische Leh nach Kleintibet in den Himalaya aufbrechen.

Interview mit der SZ vom 18.10.2012

Fast drei Jahre waren die Zittauer Anke und Mike Wohne in Indien und haben dort eine freie Schule aufgebaut. Zuvor war Mike Wohne Gründer und Geschäftsführer der Schkola, eine der ersten freien Schule Sachsens. Nun sind sie wieder zurück in der Oberlausitz – aber zumindest Mike Wohne wird nicht lange bleiben, wie er sagt.

Herr Wohne, Sie sind nach drei Jahren nach Zittau zurückgekehrt. Gewöhnt man sich nach so langer Zeit in Indien problemlos wieder an den deutschen Alltag?
Ja. Aber leider gelingt es nicht immer die Ruhe und Gelassenheit mitnehmen zu können. In Indien drehen die Uhren langsamer. Es ist natürlich eine Menge liegen geblieben, so müssen wir uns zunächst mit den Ämtern herum schlagen, das Finanzamt klingelt wegen der Steuererklärung, die Krankenkassen haben sich sofort gemeldet, Telefon ist anzuschließen und und und ... Die Ansprüche und auch die Mühen des Leben sind hier ganz andere. In Vishwaneedam haben meine Frau und ich in einem dreimal vier Meter großen Zimmer aus dem Rucksack gelebt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht gleich in alte Muster verfallen.
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Agarbathi- Göttlicher Duft für mehr Unabhängigkeit - SZ vom 18.10.2012

Agarbathi- göttlicher Duft für mehr Unabhängigkeit

Vor drei Jahren sind meine Frau und ich nach Indien aufgebrochen. Eine uns vertraute und doch so geheimnisvolle Welt. Unser Indien hat sich in den letzten zwanzig Jahren, seitdem wir es als Touristen durchstreiften, nicht wesentlich verändert und das wird wohl auch in den kommenden 100 Jahren noch so sein.

Zwar gibt es dann statt der 1,2 Milliarden Menschen mehr als doppelt so viele, wird sich die Zahl der streunenden Hunde und verwahrlosten Kühe verzehnfacht haben, die Fußgänger werden sich hüpfend zwischen den immer schneller werdenden Blechkarossen bewegen und aufpassen müssen, dass sie nicht auf einem der zahlreichen Kackhaufen landen. Die Hare Krishnas werden wie eh und je selig einfältig ihr Segensmantra Hare Krishna/ Hare Ram zwitschern, um so die Erleuchtung zu erlangen und den Weltfrieden herbei zu singen. Das Beharrungsvermögen der Inder ist unglaublich unendlich, so wie auch ihre Geduld. Zeit hat in diesem riesigen Land eine andere Dimension.
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Zwischen Mangos und Maoisten - von Ullrich Wolf 14. August 2012

Im August berichtet die Sächsische Zeitung auf Seite 3 ausführlich über das Problem mit den Maoisten. Der Beitrag kann hier gelesen werden.
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Sanghasena – ein moderner Mönch aus Ladakh! - SZ vom 6. Juli 2012

Die Straße von Leh ins zwölf Kilometer südlich gelegene Choglamsar schlängelt sich entlang des Indus, der als Namenspatron für den Subkontinent herhält. Einst schob sich durch das heutige Flusstal ein riesiger Gletscher, der vom 5602 Meter hohen Khardung La hinab bis an die Zanskar Himalaya-Gebirgskette reichte. Die Inder rühmen sich, dass die Straße über den Khardung La die am höchsten befahrbare der Welt ist. Die Spuren der Vergletscherungen kann man an den flussseitig aufragenden Berghängen deutlich ausmachen. Sie sind Zeugen des ständigen Wechsels der Natur. Die trockenheiße Luft im Sommer lässt kaum erahnen, dass es während des Jahreswechsels hier eiskalt bis zu minus 40 Grad werden kann.
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Tina besucht ihr Patenkind Shambu in SZ am 24. Mai 2012

Tina besucht ihr Patenkind Shambu in Indien
Vor der Ankunftshalle am Flughafen in Kalkutta bildet sich bereits eine Traube aus umher rennenden, in Sonntagskleidung gehüllten Kindern, Frauen in farbenfreudigen Saris und auffällig seriös gekleideten Fahrern der Luxuslimousinen aus den Fünfsternehotels, welche ihre zahlenden Gäste abholen. Es ist 9:30 Uhr. Mit einer Stunde Verspätung wird die Flugnummer EK 570 aus Dubai auf der wackelig verstaubten elektronischen Tafel über dem Eingang angezeigt. Das Flugzeug wird zum überwiegenden Teil mit Männern zwischen 25 und 40 gefüllt sein, die in den Emiraten den Unterhalt für ihre Familien verdienen. Wer es hier geschafft hat einen Job zu ergattern, gehört zur privilegierten Schicht Indiens. Das Thermometer zeigt 37 Grad an als die ersten Passagiere aus der klimatisierten Halle in die stickig heiße Luft Indiens treten. Vor sich her schieben sie riesige Gepäckwagen mit den neuesten Flachbildschirmen von Panasonic oder Sony.
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Über Nacht in ganz Indien bekannt

von Mike Wohne

Die Sonne geht glutrot über den Gipfeln der Gandharmadankette auf, als zwei Jeeps unter dem riesigen Mangobaum am Eingang zum Vishwaneedam Grundstück auf Selbiges einbiegen. Es scheint auch heute wieder ein heißer Tag zu werden. Vier Männer gehen gerade auf Anantas Zimmer zu und klopfen unbeherrscht an die Tür. Die fünf Ausländer sollen sofort nach Balangir aufs Polizeirevier kommen, so die Aufforderung des vermeintlichen Anführers. Zu dieser Zeit ahnt noch niemand, dass die „5 Deutschen“ über Nacht in ganz Indien bekannt geworden sind. Über alle großen Fernsehkanäle flackern im Minutentakt Interviews und Reportagen, die am Vortag in der Gaiatreeschool, unter dem Vorwand der Berichterstattung über diese, aufgezeichnet worden sind. Die größte nationale Zeitung die „Times of India“ titelt auf der ersten Seite „5 Deutsche im Maoisten Gebiet ... Polizei tappt im Dunkeln“. Auch wenn die Gaiatreeschool in den Berichten kurze Erwähnung fand, so galt die Medienschelte in erster Linie den Regierungsbeamten und der Polizei, die von der Anwesenheit der „Foreigner“ im Khaprakhol Block angeblich keine Ahnung hatten.
Die Region im Westen Orissas gehört zum sogenannten „Roten Gürtel“, der sich von der Grenze Nepals im Norden über Bihar, Orissa, Chhattisgarh, Andhra Pradesh bis nach Maharashtra zieht. Seit Jahrzehnten liefert sich hier das indische Militär einen unerbittlichen Kampf mit den neokommunistisch- maoistischen Rebellen, die sich ihrerseits als die Rächer für die Armen und Entrechteten ausgeben. Dieser Teil Indiens gehört zu den wenig bis gar nicht entwickelten Regionen des Landes. Die tiefen Wunden des missglückten Umsiedelungsprogramms für die Ureinwohner, die fehlende wirtschaftliche und soziale Infrastruktur, schlechte Schulen, Hungersnöte und die hohe Kindersterblichkeit sind nur einige Indizien, dass der große wirtschaftliche Aufschwung Indiens an diesen Menschen vorbei gegangen ist. Die halbherzigen Versprechungen der Politiker, die allerorts verbreitete Korruption bis in die höchsten politischen Kreise hinein und die Hoffnungslosigkeit der Dorfbewohner sind die eigentlichen Ursachen für diesen Konflikt. In den Medien vergeht keine Woche, in der nicht von Übergriffen, Morden oder Entführungen berichtet wird. Im März dieses Jahres sorgte eine umstrittene Geiselnahme von zwei Italienern in Koraput im Süden Orissas weltweit für Aufsehen. Die sensationssüchtigen und korrumpierbaren indischen Medien rüsten zum verbalen Krieg gegen die Maos, die als Terroristen gebrandmarkt werden. Die Stimmung wird dadurch immer mehr aufgeheizt, die Extremisten erlangen Aufmerksamkeit und die Regierenden die Rechtfertigung zum offenen Kampf. In der Bevölkerung wachsen das Misstrauen, die Angst und die Not.
Auf dem Polizeirevier in Balangir versammeln sich inzwischen mehr als ein Dutzend Journalisten und Reporter. Im Zimmer des Polizeiinspektors R. Prakash versuchen Mike Wohne, der seit drei Jahren hier zusammen mit seiner Frau eine Schule im Aufbau unterstützt und die anderen drei deutschen Freiwilligen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. „Vor jedem Besuch haben sich die beiden Deutschen ordnungsgemäß bei der Polizei angemeldet“, so Ananta Putel, der Begründer der Gaiatreeschool. „Beim letzten Besuch saßen wir zwei Stunden vor verschlossener Tür und sind dann unverrichteter Dinge gegangen“. Dass die Polizei in Khaprakhol, nach Aussagen der Reporter, von der Existenz der „Weißen“ in ihrem Revier angeblich keine Ahnung hatte, ist eine glatte Lüge. In der Vishwaneedam Community geben sich seit einem Jahr die Volontäre förmlich die Klinke in die Hand. Sie kommen aus Frankreich, Amerika, Brasilien oder Deutschland. Jeder im Umkreis von fünfzig Kilometern weiß von dem internationalen Projekt am Fuße der Gandhamardanberge. Die Helfer erfahren von der Schule und dem Projekt in Orissa über das weltweite Netzt von WWOOF (Organisation für Organic Farming) oder direkt über die Webseite www.gaiatreeschool.org. Hier kann sich jeder informieren und anmelden. Die Freiwilligen unterstützen bei der Mango- und Cashenußwernte, der Bewässerung der Reis- und Gemüsefelder, beim Kompostieren und natürlich in der Schule. Vor einem Jahr besuchte das deutsche Paar Pradeep Majhi, Mitglied des indischen Parlaments, in Bubaneshwar, der Hauptstadt Orissas. Er versprach ihnen Hilfe und Unterstützung und würdigte das Engagement für die Menschen vor Ort. Zu keiner Zeit erwähnte weder die Polizei noch irgendjemand das Maoistenproblem. Konkrete Nachfragen bei der deutschen Botschaft in Kalkutta ergaben auch aktuell keinerlei Einreisebeschränkungen für Orissa, lediglich den Hinweis auf Schwierigkeiten für Geschäftsreisende. Dem Polizeichef ging es wohl nicht um die Wahrheit, sondern nur darum, wie er sein Gesicht in der Öffentlichkeit wieder herstellen kann. So stürmten die Journalisten nach der Beendigung des Gesprächs in sein Zimmer und kurze Zeit später wurde die Erfolgsmeldung in allen Medien verbreitet: Die Polizei hat die Deutschen aufgefordert die Region schnellstens zu verlassen. Die verbleibende Zeit müssen sie mit dem Einbrechen der Dunkelheit Vishwaneedam verlassen und in die nächstgelegene Stadt nach Pathnagarh zum Übernachten fahren. Nur so könne die Polizei die Sicherheit und den Schutz für die Ausländer gewährleisten. Damit war das Problem aus der Welt geschafft. Ananta Putel berichtet später von weiteren Vorladungen und Ermittlungen gegen ihn. Ihm werden Versäumnisse, die Verschleppung der polizeilichen Ermittlung, Verletzung von Urheberrechten für Veröffentlichungen im Internet und die nicht genehmigte Unterbringung von Ausländern vorgeworfen. Außerdem hätten die Deutschen gegen das Visums- und Einreiserecht verstoßen. Die Polizei drohte ihm auch mit Gefängnis, wenn er nicht kooperativ sei, äußerte er sich weiter am Telefon.
Auf der provisorischen Bühne tanzen die Kinder der Gaiatreeschool, führen kleine Theaterstücken in Englisch auf und zeigen den zahlreichen Gästen, was sie im zurückliegenden Jahr in Mathe, Orya (Landessprache) und Englisch gelernt haben. Die Eltern und Gäste zollen ihnen dafür reichlich Beifall. Die Stimmung ist ausgelassen und doch auch betrübt. In den zurückliegenden drei Jahren ist die Schule hier aus dem Nichts entstanden. Zwanzig Kinder lernen altersübergreifend und ganzheitlich nach den Idealen des indischen Gelehrten Sri Aurobindo. Jedes Kind hat Paten in Deutschland, welche das Schulgeld von 7200 Rupee (120 Euro) im Jahr aufbringen. Die Eltern sind glücklich ihre Kinder in einer guten Schule zu wissen. Mit Hilfe von deutschen und europäischen Stiftungsgeldern sowie Privatspenden ist eine Solaranlage auf dem Schulgelände errichtet worden. Diese versorgt die Schule mit Strom und pumpt bis zu 3000 Liter Grundwasser aus 20 Fuß in die zwei riesigen Wassertanks. Das Wasser wird auch durch die Nachbarn genutzt. Das Schulhaus, ein altes Wohnhaus, wurde Stück für Stück umgebaut und erweitert. Die Gaiatree Foundation beschäftigt derzeit vier Lehrer, die hier in den zurückliegenden Jahren das Handwerk des Unterrichtens erlernt haben. Darüber hinaus herrscht zurzeit reger Baubetrieb auf dem Gelände. Mehr als zehn Arbeiter errichten den neuen Klassenraum für die sich erweiternde Schule. Künftig sollen hier einmal bis zu 90 Kinder von drei bis vierzehn Jahren lernen können. Es ist schon längst dunkel, als die letzten Gäste gehen. „Wir wollen, dass ihr hier bleibt. Wir werden darum kämpfen“ sagt Samyas Mutter beim nach Hause gehen noch immer bestürzt über die Ereignisse der zurückliegenden Tage.
Bericht in der Sächsischen Zeitung vom 14.08.2012
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Kopfschütteln bedeutet Ja und Nein

von Mike Wohne in der Sächsischen Zeitung am 27.01.2011

Mike und Anke Wohne aus Zittau bauen in einer der ärmsten Regionen Indiens eine freie Schule auf. In der SZ berichten sie davon. Der neue Tag hat gerade begonnen. Der russische Airbus SU 116 nach Moskau hebt ab. Unter uns versinkt Deutschland im Schnee, hinter uns liegen vier Wochen Urlaub in der Heimat. Vor uns ein weiteres Abenteuer. Meine Erinnerung an die erste Begegnung vor 17 Jahren ist taufrisch oder eher wässrig warm, wie die Luft der Tropen, die einen beschnuppert, mit einem spielt und durchdringt. Es ist jene schmutzig süßliche Luft, die mich erregt, begeistert und von je- her anzieht. Das Land der Gurus und
Sadhus liebt oder hasst man, ein Dazwischen gibt es nicht. Ungezählt sind unsere Reisen als Backpacker durch den indischen Subkontinent vom südlichen Kap Komorin bis in den Himalaya, von den Westghats bis an den Ganges nach Benares, wo alles Leben dieser Erde sein Ende und seinen Anfang nimmt. Hier glauben die Menschen daran, dass sie wieder geboren werden und dass ihre guten Taten sowohl Diesseits als auch im Jenseits Bestand haben. Sie nennen es Karma. Es scheint, als strebe ein geduldig ertragendes Milliardenvolk, wurzelnd auf dem uralten Wissen des Yoga, mit der karmisch beladene Last des Vergangenen und einer sinnlich religiösen Hoffnung auf eine bessere Zukunft, nach den Früchten der Gegenwart. Der große Traum vom eigenen Auto, vom Leben in Reichtum und Luxus beherrscht auch hier das 21. Jahrhundert. Indien befindet sich, wie alle Länder dieser Erde im Kampf um Märkte, Rohstoffe, Konsum und Wissen. In intellektuell politischen Kreisen spricht man von der Marke „Made in India“ so wie einst von „Made in Germany“.
Das Straßenbild Indiens ist geprägt von farbenprächtigen Saris der Frauen, dem indischen Symbol von Stolz und Eigensinn, von Frohsinn und Kreativität. Sich auf Indien einzulassen, verlangt Mut, da es einer Begegnung mit der Vergangenheit gleich kommt. Fernab vom Schickimicki der Großstädte, den touristischen Hoteltempeln, den klimatisierten Reisebussen mit getönten Scheiben, der Moderne einer aufflammenden Mittelschicht zeigt sich Indien in seiner vollkommenen Nacktheit. Wir sind nach so vielen Jahren des Umherreisens erst jetzt angekommen. Willkommen in Indien.
2003 zog es unsere Familie schon einmal für sechs Monate nach Auroville in den Süden, dem weltweit größten Experiment, bei dem der Homo sapiens selbst Objekt der Forschung ist. Hier leben Menschen zusammen, die den Glauben an eine bessere Welt nicht aufgegeben haben. In Auroville verstand ich, dass wir nicht nur eine Heimat haben können. Hier fand ich meinen Weg zur Meditation und zum Yoga, hier formte sich unser Traum, einmal für längere Zeit nach Indien zu gehen. Seit fünfzehn Monaten leben wir in Orissa, in Vishwaneedam, nahe der Grenze zum Nachbarstaat Chhattisgarh. Der alte Orient erzeugt in mir noch immer ein ganz eigenes, urtümliches Gefühl der Fremdheit, welches meine Neugierde stets aufs Neue entfacht. Angetrieben durch das Verlangen nach Veränderung und der Angst des Stillstandes, der Sehnsucht nach der Fremde und der Suche nach Geborgenheit, habe ich mich wohl auf ein Leben zwischen zwei Welten – wie sie unterschiedlicher nicht sein können – eingestellt. Stets an meiner Seite ist meine Frau Anke, die immer ein Ausgleich für mich ist und geduldig meine Unruhe erträgt.

In Vishwaneedam („Wo das Universum wächst“) wird Ananta Putel, unser indischer Freund seine Vision von einem besseren Orissa verwirklichen. Seine Biographie liest sich wie die Geschichte des aufstrebenden Indiens. Mit 15 geht er nach Delhi, nachdem drei seiner sechs Geschwister gestorben sind. Seine Familie war arm. In der Riesenmetropole verbringt er als Straßenjunge seine pubertäre Zeit, verdient sich mit Betteln Geld und jobbt hier und da, um überleben zu können. Ein guter Freund finanziert ihm sein Studium der Philosophie, später wird er noch Französisch lernen. Mit diesem Wissen arbeitet Mister Putel für internationale Firmen, verdient Geld und gewinnt tiefe Einsichten. Das Leben in der Stadt befriedigt den jungen Ananta nicht mehr, ihm kommen Zweifel an der Realität und er besinnt sich auf seine Herkunft. Er hat Sehnsucht, spürt Hoffnung. Schließlich kauft er vom Ersparten Land in Orissa und gründet zusammen mit seinem Freund Mahadev den Vishwaneedam Ashram. Heute leben hier drei Familien zusammen und betreiben Farm- und Viehwirtschaft. Die Gaiatreeschool
wurde im letzten Sommer mit unserer Unterstützung und der Hilfe vieler unserer Freunde gegründet. „Ich bin überzeugt, dass unser Wirken auf die eine oder andere Weise einen Einfluss auf die Welt insgesamt haben wird“, sagt er voller Überzeugung und mit dem typisch indischen Kopfrollen, was weder ja noch
nein bedeutet.

Es ist gerade 1 Uhr mittags Moskauer Zeit. Meine Gedanken wandern nach Hause. Im tschechischen Hradek nad Nisou wird gerade das Benefizkonzert der Schkola-Schulen eröffnet. Die Kinder warten sicherlich schon aufgeregt auf ihren Auftritt. Jede der neun Einrichtungen des Verbundes beteiligt sich an dem bunten Programm zur Begrüßung des neuen Jahres. In diesem Jahr werden die Einnahmen der indischen Partnerschule in Vishwaneedam zugutekommen. Für mich geht eine Vision in Erfüllung.
vollständiger Artikel in der SZ vom 27.01.2011
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Von Glühwürmchen und Solarpumpen vom 03. März 201^2

Die Gespräche verstummen im Dämmerlicht. Jishnu, Mahadev‘ s Sohn, kuschelt sich auf dem Schoß seiner Mutter Mita ein, schließt seine Augen. Seine kleinen Finger werden durch die Riesenhand seines Vaters umschlossen. Für einen Augenblick spüre ich seine Zufriedenheit ganz deutlich und ich bin glücklich. „Om Shanti“. Damit leiten wir die allabendliche Meditationsrunde in Vishwaneedam ein. Sie ist fester Bestandteil im Tagesablauf. Ich spiele mit meinem Atem. Meine Gedanken verlieren sich für wenige Momente in der Unendlichkeit, während meine Augen sich wie von allein schließen. In diese gedankliche Leere drängt sich nun der Kampf der Sinne, um die geistige Aufmerksamkeit. Fürs Erste scheint es, dass die ohrenbetäubende Geräuschkulisse des Dschungels gewonnen hat. An mein Trommelfell dringt immer deutlicher, ja unüberhörbar das Zirpen der Grillen, das Gezwitscher der Vögel, die Schreckschreie der Geckos, das Rauschen des Windes. Im Unterbewusstsein öffne ich meinen Augen. Überall funkelt es grellweiß, wie der tropische Nachthimmel mit seinen zahlreichen Sternen. Dabei haben wir keinen Strom in Vishwaneedam? Erst beim genaueren Hinsehen erkenne ich ein Dutzend kleiner Glühwürmchen. Es sind die Weibchen, welche mit ihrem ausgeklügelten Biolabor die Aufmerksamkeit der männlichen Artgenossen auf sich lenken. Bioluminiszens nennen die Biologen dieses Phänomen. Mein Geist beginnt nun zu arbeiten.
Ich erinnere mich, dass das so erzeugte Licht dieser Minikraftwerke einen Wirkungsgrad von mehr als 90 % hat. Mit unserer 480 Watt Solaranlage, die künftig das Wasser aus 20 Fuß (rund 6 Meter) Tiefe nach oben pumpen wird, zudem Strom für das Betreiben einer Glühlampe für drei Stunden liefert, das Aufladen unseres Notebook ermöglicht und schließlich einen Ventilator betreiben kann, beträgt die effektive Ausbeute weniger als 40%. Der Rest ist für uns nicht nutzbar- sogenannte Umwandlungsenergie. Wir haben keine andere Möglichkeit. In der Trockenzeit von April bis Juni fehlt es in der gesamten Region um Balangier, der Distrikthauptstadt, an ausreichend Wasser. In manchen Jahren ist nicht einmal genügend Trinkwasser vorhanden. Wenn dann noch der Monsunregen ausbleibt oder sich verschiebt ist die Katastrophe nahe. Die Folgeerscheinungen für die Dorfbewohner sind dann verheerend, da jede Reserve genutzt wird. Das verschmutzte und verseuchte Wasser ist häufig die Ursache für Krankheiten, in deren Folge Menschen sterben. Malaria- und Typhuserreger haben nun ein leichtes Spiel. An eine verlässliche Stromversorgung zum Betreiben von Pumpen im ansonsten so reichen Indien, ist zumindest für diese Menschen in absehbarer Zeit nicht zu denken. Die traditionellen Fußpumpen reichen nicht aus, dass Grundwasser aus der Tiefe nach oben zu pumpen (siehe Foto), da in der lang andauernden Trockenperiode der Grundwasserspiegel auch schon mal bis auf 40 Fuß absinken kann.
Mit unserer kleinen Modellanlage in der Schule möchten wir nicht nur unsere Gaiatreeschool in Zukunft mit Wasser und Strom versorgen, sondern auch mögliche Lösungswege für die Region aufzeigen.
Dass dies offenkundig nicht so einfach ist, konnten wir im vergangenen Jahr am Pangongsee in Ladakh im Norden Indiens beobachten. Hier wurde in einem großzügig aber halbherzig angelegten Entwicklungshilfeprojekt jeder Haushalt mit einem Solarkocher ausgestattet. Eine gute Idee in einer Region, wo es an Brennholz mangelt, aber die Sonne fast immer scheint. Kurze Zeit später dienten diese allerdings als Spielzeug für die Kinder oder zur Ersatzteilgewinnung (siehe Foto). Die Verantwortlichen hatten wohl versäumt die Menschen vor Ort einzubeziehen, sie aufzuklären. Wir wollen nicht dieselben Fehler machen, also planen wir parallel auch Workshops für die Eltern, die Dorfbewohner und für einflussreiche Menschen aus dem Umland. Zudem wollen wir in kleinen Schritten vorwärts gehen.
Unsere Solaranlage soll - wenn alles klappt - im April gebaut werden. Eine Firma aus Südindien hat uns dazu ein erstes Angebot unterbreitet. Umgerechnet 4500 Euro wird alles kosten. Die Finanzierung steht im Wesentlichen, aber schon jetzt zeigen sich erste Hürden. So schreibt Rishi, der technische Leiter, dass der Transport der Module zirka 2000 km per Bahn von Tamil nach Orissa, zwischen zwei benachbarten Bundestaaten also, nicht so einfach ist. Orissa erhebt eine nicht unwesentliche Steuer auf Einfuhren. Sein Vorschlag: Wir sollten doch alles selber direkt vom Werk abholen, so könne man dies umgehen. Mir graut bei dem Gedanken. Wir werden wohl noch beraten müssen, wie wir das Problem in den Griff bekommen und ich bin mir sicher, dass es nicht das Einzige bleiben wird. Mir geht ein Gedanke durch den Kopf, bei dem mir ein guter Freund einmal Folgendes nahe legte: Wenn ein Inder zu dir sagt:“ No problem!“, spätestens dann weißt du, dass in diesem Augenblick deine Probleme begonnen haben. Ich verliere trotzdem nicht den Mut.
„Om bhur bhurva svaha ...“. Ananta beendet die heutige Meditation und wir singen zum Abschluss noch gemeinsam das Gayatrimantra. „Gayartri“ die göttliche Mutter, die auch als die Göttin des Lernens in Indien verehrt wird. Sie steht für Hoffnung, für eine gute Zukunft, Erfolg und für das ewige Leben. Ich singe heute das Mantra mit besonderer Hingabe.
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Indiens Traumwelt vom 31. März 2011

Mehrere Dutzend, zumeist Männer, drängen sich am Eingang des Elite, eines der angesagtesten Plätze Kolkattas (früher Kalkutta). Es ist 12:00 Uhr mittags wenn die erste Vorstellung beginnt und alle drei Stunden bis 21:00 Uhr die neuesten Filmproduktionen aus Mumbai oder Bengalen die Zuschauer in eine andere Welt als die Ihre entführen. Ilona Schaller, die Chefin des Zittauer Kinos ist begeistert von dem Besucherandrang. Sie ist zusammen mit ihrem Mann für zwei Wochen bei uns zu Besuch. Feste Spielzeiten so bringe ich in Erfahrung gibt es nicht. „Wenn die Vorstellung zu 70% gefüllt ist, läuft der Film, ansonsten kommt der Nächste dran.“, sagt Ramesh mir an der Kinokasse. Die Auswahl ist groß im Land der Illusion und so kann es sein, dass ein Film Wochen, ein Anderer nur einen Tag läuft.
Mehr als 250 Produktionen entstehen jährlich in den Filmstudios von Bollywood, einem Wortspiel aus Bombay und Hollywood, zuzüglich denen der nicht minder kleineren Produktionsstätten an der Ostküste. Wir sitzen in dem Riesenkino am Neumarkt. Die besseren Balkonplätze sind ausverkauft und so drängen wir uns im Parkett nahe der Leinwand, zusammen mit den knapp 300 Besuchern. Eine Karte kostet gerademal 30 indische Rupien, das sind umgerechnet 50 Cent. Das Mobiliar scheint so alt wie das Gebäude, aus den 30ger Jahren. Indes beginnt das farbenfrohe Spektakel. Umworben von einem Dutzend Tänzern schmiegt sich die Filmheldin Alisha vor einer märchenhaften Kulisse in ihrem bunten Sari. Ein Gemisch aus Tanz und anmutiger ja fast erotischer Bewegung verzaubert die Besucher im Kinosaal. „Alisha“, der neueste bengalische Kassenschlager erzählt von der unmögliche Liebe zweier Menschen verschiedener Kasten im modernen Indien. Eine Mischung aus Realität und Illusion und Kritik der Filmemacher an dem bestehenden Kastensystem.
Neunzig Prozent aller Hochzeiten in Indien werden von den Eltern arrangiert. Entsprechend boomt der Hochzeitsmarkt und in der freien Marktwirtschaft hat sich eigens ein Wirtschaftszweig darauf spezialisiert. Dabei gelten feste Regeln und Rituale. Ehen zwischen zwei verschiedenen Kasten sind ausgeschlossen. Offiziell gilt das System der Kasten seit Gandhi als überwunden. Im indischen Alltag, außerhalb der Metropolen, bestimmt es die soziale Ordnung und Hierarchie in der größten Demokratie der Welt. Die Brahmanen, die Priester, sind an der Spitze, darunter gibt es vier Hauptkasten und zahlreiche Untergruppierungen. Die sogenannten Unberührbaren stehen außerhalb des Systems und bilden das Meer von Bettlern, Krüppeln und Obdachlosen. Im Übrigen gelten wir - als Ausländer - als kastenlos.
Auch in Vishwaneedam bestimmt dieses ungeschriebene Gesetz den Alltag. Kinder gehören noch keiner Kaste an und so erfahren sie mindestens in der Schule eine gewisse Gleichbehandlung. Vor einigen Wochen entfachte ich eine erregte Diskussion in unserer abendlichen Sitzung. Über mehrere Tage konnte ich beobachteten, dass Tilatamas Mutter den gesamten Vormitttags in der Schule war. Sie half beim Bau der Toilettenanlagen, unterstütze die Vorbereitungen des Frühstücks und auch am Nachmittag, wenn alle Kinder abgeholt wurden, blieb sie mit ihrer Tochter auf dem Gelände. Ihr Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Dessen Eltern gewähren den Beiden weiterhin ein Bett und ein Dach über den Kopf. Wie Ananta zu erzählen weiß ist sie als Witwe kastenlos und steht somit außerhalb der sozialen Dorfordnung. Mein Vorschlag, sie in unsere Gemeinschaft in Vishwaneedam aufzunehmen, löste eine heftige Diskussion in der Community aus. Ananta ist strikt gegen die Kasteneinteilung. Shestadev, unser Farmer, fürchtet um den guten Ruf im Dorf, wenn wir Tilatama und ihre Mutter bei uns aufnehmen, so zumindest hat er seiner Betroffenheit über den Vorschlag Ausdruck verliehen. Ich ahne, dass die vorgehaltene Außenwirkung nur ein Vorwand sein könnte. Bis heute haben wir über dieses Thema geschwiegen.
Am Ende unseres indischen Kinomärchens stirbt Alisha, die nun alle in ihre Herzen geschlossen haben. Wir sind enttäuscht, vielleicht auch weil wir wissen, dass damit eine Hoffnung für Indien stirbt. Draußen auf den Straßen Kolkattas ist Wahlkampf, denn im Mai soll ein neues Parlament in Westbengalen gebildet werden. Alle Parteien fordern in ihren Programmen, wie selbstverständlich seid Indiens Unabhängig, die endgültige Überwindung der Kasten. Wir sind wieder in der realen Welt Indiens angekommen.
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Wenn der Eismann kommt…

Der Abschlusskreis in unserer Gaiatreeschool ist noch nicht zu Ende, da beginnt Swadim, unser kleiner Zappelphilipp, schon auf seinem Hintern hin und her zu wackeln. Als dann das alles erlösende OM ausklingt, sind auch die anderen Kinder außer Rand und Band. Ich kann die Aufregung noch nicht verstehen, offensichtlich haben die Kinder etwas bemerkt, was meinen Ohren bis dahin verschlossen blieb. Kurz vor Schulende, wenn die Sonne fast im Zenit steht und die Temperaturen mittags die 40 Grad-Grenze überschreiten, darf er nicht fehlen. Der Eismann. Für einen Moment bin ich Kind, sehe mich wieder in der Schulbank und kann die Freude der Kinder nachempfinden. Die indische Version des Eismannes radelt ökologisch korrekt mit dem Fahrrad.
Wenn er seine tägliche Runde durch die umliegenden Dörfer macht, kommen schon mal gut dreißig Kilometer zusammen, weiß er mir stolz zu berichten. Auf dem Gepäckträger steht ein etwas heruntergekommener, leicht rostiger Blechkasten und rechts und links tropft es orange- grün-blau aus den fingerbreiten Ritzen. Die Kinder stürzen sich indes auf ihn, reißen ihn fast um und es herrscht tosende Aufregung, als er den Blechdeckel nach oben klappt. Der Eisverkäufer selbst - ein wirkliches Original - lässt mich schmunzeln. Den Hals und das Gesicht eingemummelt in einen dicken Schal wie im tiefsten Winter und wie zum Trotz dazu eine riesige Sonnenbrille auf der Nase, lächelt er fast zahnlos, als ob er sich der Kuriosität seines Äußeren bewusst sei. Egg, tho, thin ... Eins, zwei, drei Bündel Eis reicht er den Kleinen, die das Innere des Blechkastens nicht sehen können. Die Kinder wissen, dass sie das Eis schnell vertilgen müssen, bevor es ihren in den Händen zerrinnt. Wir probieren es ebenfalls, auch wenn wir uns der Gefahr des halbgefrorenen Zuckerwassers für europäische Mägen bewusst sind. Die Eltern der Kinder warten derweil am Eingang der Schule. Heute ist ihr letzter Schultag vor den Sommerferien.
Ein Jahr Gaiatreeschool liegt nun hinter uns. In einer ersten Feedbackrunde sammeln wir gemeinsam Gedanken dazu. Der Schulstart vor einem Jahr war verregnet, wir waren unsicher, ob unser Konzept der Altersmischung und des offenen Unterrichts auch hier aufgeht, unserer Lehrer bereit und fähig sind so viel Neues zu lernen und die Eltern uns die Treue halten werden. Auch die Finanzierung war unsicher. Ein Jahr danach können wir sehen, dass unsere Vision schrittweise in Erfüllung geht. Die Zahl der Anmeldungen ist deutlich höher als unsere Kapazität. Babloo und Sadananta werden im neuen Schuljahr einen richtigen Arbeitsvertrag erhalten. Sie sind glücklich, nun ein regelmäßiges Gehalt von 2000 Rupie im Monat (35 Euro) zu bekommen, wissen aber auch, dass sie dafür hart arbeiten müssen. Sechs Tage die Woche jeweils neun Stunden, und wenn nötig wird sonntags zusammen die nächste Woche vorbereitet. Nicht nur das Unterrichten gehört zu ihren Aufgaben. Es wird jede Hand gebraucht, wenn der Bau vorangeht, das Dach undicht ist oder das Gelände sauber zu halten ist. Einen Hausmeister wollen wir uns noch nicht leisten und außerdem steht ihnen auch noch Rita, unsere indische Praktikantin, zur Seite. Im Juni wird die bestehende Lerngruppe mit 11 neuen Kindern von drei bis fünf Jahren aufgefüllt. Wir suchen dafür noch Paten in Deutschland und Indien. Mehr Informationen dazu gibt es auch auf www.gaiatreeschool.org .
Der letzte Schultag war für alle ein ganz besonderer. In unserer Heimat war Karfreitag. In Indien wird der Beginn des Osterfestes nicht nur von den Christen zelebriert, sowie auch Ramadan nicht ausschließlich den Moslems zum Fasten vorbehalten ist. Im Land der Religionen, unzähligen Kulturen und tausend Götter werden die meisten Feste gemeinsam gefeiert und im Grunde ist das ganze Jahr Feiertag. Häufig dreht sich dann alles ums Essen, es werden Freunde eingeladen und man geht in den Tempel, um die Götter positiv zu stimmen. Unsere Kinder haben den Vormittag genutzt, um am Straßenrand einen provisorischen Unterschlupf zu bauen. Mit der Unterstützung ihrer Lehrer haben sie die Materialien zusammengesucht. Bambusrohre für das Gestell, ein paar Blätter und Gestrüpp vom nahen Neembaum als Dach, Holzstücken als Stützen. Das so errichtete Schattenplätzchen diente dann als Kühlraum für zwei riesige Tonbehälter, die mit Wasser gefüllt wurden. Jeder Besucher der Schule, die Eltern und Vorbeikommende bekamen einen Becher frisches Wasser gereicht. Auf einer Bastmatte konnten sie einen Augenblick ausruhen, bis sie ihren Fußweg ins nächste Dorf wieder fortsetzen konnten. Wasser hat neben dem lebenspendenden Charakter eine symbolische, ja spirituelle Bedeutung in Indien. Es dient der inneren Reinigung, ist das Symbol für Fruchtbarkeit und Liebe. Wen jemandem Wasser gereicht wird, dann bringt man ihm gegenüber seine Hochachtung zum Ausdruck. Die Kinder hatten viel Freude und konnten spüren, welche Dankbarkeit ihnen entgegengebracht wurde. Im Abschlusskreis äußerten sie sich glücklich, der Stolz war ihnen anzusehen. An unserer Gaiatreeschool ist eine neue Tradition geboren. Immer am Karfreitag werden sie den Gästen an der Straße nun frisches Wasser geben.
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Indian Wedding- Indische Hochzeit in der SZ am 16. Juni 2011

Es ist der erste Tag im Mai. Wenn zu Hause der Wonnemonat beginnt, startet in Orissa die Heiratssaison. So vergeht kein Wochenende, an dem wir nicht irgendwo hin eingeladen sind. An diesem Tag pilgert unsere ganze Community nach Pathnagarh. Anus Vater hat uns eine Woche zuvor eingeladen und spendierte sogar das Taxi zu seinem rund 30 km entfernten Wohnhaus. Als Leiter einer kleinen Außenstelle der staatlichen Post hat er ein ganz gutes Einkommen. Die Anstrengungen der letzten Wochen sind ihm ins Gesicht geschrieben. Anu lebt zusammen mit uns in Vishwaneedam, sodass wir keine andere Wahl haben, als die Einladung anzunehmen. Dass wir kommen, schien ihm besonders wichtig. Zusammen mit Franziska, unserer zweiten Praktikantin aus Zittau, werden wir vier „Weiße“ sein und das ist schon etwas ganz Besonderes in dieser von Touristen nur selten aufgesuchten Region.
Eine Einladung auszuschlagen gilt für die Einheimischen als Akt der Unhöflichkeit und hat zur Folge, dass der Gegenbesuch definitiv ausbleibt. Die Anzahl der Gäste ist Ausdruck für Wohlstand und Reichtum und beschert dem Paar Glück und Segen und natürlich eine Unmenge an Geschenken, zumeist Geldspenden. Damit können dann die Ausgaben für das Fest zu einem großen Teil gedeckt werden. Diese betragen nicht selten mehrere Lakh Rupie, 1 Lakh entspricht 100.000 Rupien, das sind rund 1600 Euro. Anu ist zusammen mit Mahadev, ihrem Mann, schon Tage zuvor losgefahren, um bei den Vorbereitungen zu helfen. Es werden knapp 1000 Gäste erwartet, was wohl eher der Durchschnitt ist, meint Mahadev.
Die Planungen und Vorbereitungen für die Hochzeit beginnen am Tag der Bereitschaft des künftigen Bräutigam mit der Suche nach einer geeigneten Frau. Dann wird nichts mehr dem Zufall überlassen, folgend den Ritualen der alten Schriften - den Veden. Der Vater des zu verheiratenden Mannes ist verantwortlich für die Auswahl. Im modernen Indien kann er sich auch einem der zahlreichen Vermittlungsbüros anvertrauen, die dafür Provision verlangen. Es kann oft Monate, ja sogar Jahre dauern, eine geeignete Frau, die derselben Kaste angehört, zu finden. Ist die Entscheidung gefallen und die Mitgift ausgehandelt, bestimmt ein Orakel den geeigneten Termin für die Eheschließung. Den alten Traditionen zu Folge, sieht sich das Paar am Tag der Vermählung zum ersten Mal.
Auch für die künftige Braut beginnt nun eine anstrengende Zeit. Sie möchte sich von ihrer besten Seite zeigen und so geht sie oft für längere Zeit zu einer „Auffrischungskur“. Ins „Nature Cure and Yoga Center“ (Natur- und Yogazentrum) nach Kochi in Südindien zum Beispiel. Einen Monat arbeitete ich hier als Yogalehrer und bekam so einen Blick hinter die Kulissen. In den von der katholischen Kirche betriebenen klosterähnlichen Einrichtungen, als Pendant zu den hinduistischen Aschrams, gelten feste Regeln. Basierend auf einer strengen Diät, die je nach Konstituierung auch Fasten bedeuten kann, gehört täglich zwei Mal Yoga zum Programm. Auch Schlammbäder mit heilendem Lehm zur Straffung der Haut oder die natürliche Sonnensauna auf der aufgeheizten Dachterrasse am Mittag. Unter einem riesigen Bananenblatt eingewickelt in feuchten Tüchern liegt man dann bis zu einer halben Stunde. Der Saunaeffekt tritt unmittelbar ein. Das primäre Ziel der physischen Tortouren ist es Gewicht zu verlieren. Nicht selten fahren die etwas beleibten jungen Frauen mit 20 Kilo weniger Gepäck vor ihrem großen Auftritt nachhause zurück.
Die Hochzeitszeremonie dauert mindestens drei Tage. Der Bräutigam begibt sich mit einem Tross aus Verwandten und Freunden auf den Weg zum Elternhaus der künftigen Frau. Hier findet dann die eigentliche Vermählung statt. Sieben Mal muss das Paar das Feuer (Homa) queren und während dessen heilige Mantras sprechen. Dabei geloben sie ihre Treue für sieben Leben, reichen Kindersegen (vornehmlich Jungen) und schließlich ein erfülltes Sexleben. Die ganze Zeremonie dauert Stunden und ist für alle Beteiligten eine echte Herausforderung. So schiebt der Vater der Braut dem Priester auch schon mal gern ein kleines Bakschisch (Bestechungsgeld) unter den Doti, damit der sich etwas kürzer fasst.
Als nun verheiratetes Paar reist die gesamte Sippschaft wieder zurück ins elterliche Haus des Mannes, wo sie künftig auch zusammen leben werden. Oft schlafen die unmittelbar Betroffenen mehrere Nächte nicht. Als Zeichen der Hochachtung und der Würde gegenüber den zahlreichen geladenen Gästen sitzt das Paar auf einer Art Thron und nimmt mehr oder weniger lächelnd die Geschenke an.
Wir sind inzwischen in Pathnagarh angekommen und werden freundlich empfangen und überall herumgeführt. Die Übergabe unsers kleinen Geschenkes muss dann zweimal gefilmt werden, bevor es zum großen Essen geht. Hinter all dem steckt schon eine logistische Meisterleistung. Das Essen wird schnell serviert und dann geht’s auch schon wieder nach Hause zurück. Es kommen noch immer Gäste, obwohl es inzwischen schon kurz vor Mitternacht ist. Am Ende werden es wohl knapp 600 Gäste sein, weiß Mahadev und zeigt uns noch das mit Blumen liebevoll hergerichtete Hochzeitszimmer. Es ist die erste gemeinsame Nacht für das frisch vermählte Paar.
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Anantas Traum von einem besseren Orissa in der SZ vom 13./ 14. August 2011

Es war Anfang Oktober 2009. Ein Autokonvoi fährt in Vishwaneedam vor. Twinkle, Anantas Frau, erinnert sich noch ziemlich genau daran. Sie war allein mit Evan ihrem Sohn und Ramprasad und mit der Vorbereitung des Essens beschäftigt. Erst vor wenigen Wochen waren sie aus der südindischen Metropole Bangalore hier her in den Nordosten Indiens gekommen und hatten die Community, zusammen mit Mahadev und seiner Frau, begründet. Hier wollten sie ihren Traum von einem besseren Orissa verwirklichen. Umso mehr war sie über den unerwarteten Besuch überrascht. Ein gut gekleideter Mann, Mitte dreißig, grüßte mit zusammen gefalteten Händen, „Namaskar“. Er stellte sich ihr als Mister Pradeep Majhi, Mitglied des indischen Parlamentes, vor. Wegen Ramprasad sei er gekommen. Die Geschichte des neunjährigen Tribal-Jungen (Stammesjungen) machte Schlagzeilen in ganz Indien. „Breakdown in Balangir“, so titelte die größte Zeitung „The Indian Times“. Seine Familie, einschließlich seiner zwei jüngeren Geschwister waren wenige Monate zuvor nacheinander an den Folgen von Unter- und Mangelernährung gestorben. Er überlebte als Einziger und die Leute im Dorf kümmerten sich um den Waisenjungen, bevor Ananta und Twinkle entschieden, ihn in Vishwaneedam aufzunehmen und wie ihren eigenen Sohn großzuziehen.

Der Distrikt Balangir im Westen des Bundesstaates Orissa an der Grenze zum benachbarten Chhattisgarh gilt als einer der ärmsten in ganz Indien und so ist der Kreislauf aus Hunger und Tod Allgegenwärtig. Der Überfluss an Wasser während der kurzen Regenzeit von Juli bis September und die extreme Dürre im Vormonsun stellen eine Herausforderung für alles Leben dar.
Mister Pradeep blieb an diesem Tag mehr als eine Stunde, erkundigte sich nach den Umständen und sprach mit Ramprasad ein paar Worte. Zum Abschied gab er Twinkle 5000 Rupie (etwa 90 Euro) und bot der Familie weitere Hilfe an.
Die Situation der Tribalfamilien in Orissa ist sehr kompliziert. Oft leben sie am Rande der Dörfer, sind nicht in das soziale Leben integriert. Sie zählen zur unteren Kaste und damit zu den Ärmsten in der Region um die Gandamardanberge. Die meisten von ihnen können weder lesen noch schreiben und haben nie eine Schule besucht. So ist es schwierig für sie Arbeit zu finden. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, auch wenn die Regierung zum Bespiel den Schulbesuch ihrer Kinder fördert oder bestimmte Quoten zur Studienzulassung einrichtet. Oft fehlt es der Elterngeneration an der notwendigen Einsicht und Überzeugung.
In Turla, zirka drei Kilometer entfernt von der Vishwaneedam-Community gibt es, angeschlossen an die staatliche Schule, ein Heim für Waisen und Tribalkinder. Hier sind zurzeit fünfzig Mädchen von 6 bis 14 Jahren in zwei Schlafsälen untergebracht. Zweimal am Tag bekommen sie Reis und Dal (Linsen). Eine eher magere und einseitige Kost. Wie so häufig kommt am Ende nur ein Bruchteil des Geldes bei den Menschen an, für die es gedacht ist. Der Internatslehrer, ein junger Mann von zirka 25 Jahren, zeigt uns den Unterkunftstrakt. Mindestens zwanzig Brettergestelle, an jedem Kopfende eine zusammengerollte Matte und ein kleiner Blechkasten mit den wenigen persönlichen Sachen. Die Mädchen wirken eingeschüchtert. Besuch kommt normalerweise keiner und so beobachten sie das Geschehen aus der Ferne. Da es die ganze Nacht geregnet hat, ist an diesem Tag offensichtlich keine Schule. So spielen die Kinder voller Begeisterung Carrom (indisches Fingerbrettspiel) und laden uns zum Mitspielen ein. Wir haben keine Chance, ihre Finger schnipsen die kleinen schwarzen und weißen Plättchen an die richtige Stelle und versenken so gleich mehrere in die dafür vorgesehenen Löcher an den Ecken des Spielfeldrandes. Sie freuen sich über den Triumph gegen die weißen Besucher und genießen sichtlich ihre Überlegenheit. Es sind keine weiteren Lehrer an diesem Tag zu sehen. In einem Bericht von Michael Kremer et al. von der Harvard University mit dem Titel „Teacher Absence in India - a Snapshot“ („Lehrerfehlzeiten in Indien – eine Momentaufnahme“), der in einem Journal der EU aus dem Jahr 2005 veröffentlicht wurde, wird über dieses Problem berichtet. Der Untersuchung zufolge, welcher immerhin 3200 Schulen in ganz Indien zu Grunde lagen, kommen 25 Prozent der Lehrer in Orissa nicht regelmäßig zur Arbeit. Die akkurat geführte Anwesenheitstabelle für die Lehrer der Dorfschule weist eine weitaus höhere Quote aus. So sind die Schüler, wie auch an diesem Tag, sehr oft sich selbst überlassen. Dann zeigt uns der junge Mann voller Stolz den Wohnbereich für die Lehrer. Er ist erst vor wenigen Tagen fertig geworden und strahlt noch im wunderbaren Weiß. Seine Wohnung hat drei Zimmer, mit dazugehörigem Bad und einer Küche. Vom Stuhl seiner Veranda aus kann er das gesamte Schulgelände überblicken. Er beschwert sich, dass es zu wenig Geld von der Regierung gibt und dass es für die Kinder vorne und hinten nicht reicht.
Beim Weg nach draußen ist eine Statistik an der Eingangswand zum Schulhaus zu sehen. Auf ihr sind akribisch die täglichen Schülerzahlen vermerkt, aufgeschlüsselt nach Jungen, Mädchen, Kasten und Tribals. Am heutigen Tag sind von den zirka 600 Schülern nur 246 gekommen. Davon gehören 36 der unteren Kaste an. Die meisten von ihnen seien Tribals, erklärt uns der junge Mann im weißen Hemd. Schließlich verabschiedet er sich mit einem freundlich indischen Lächeln.
Ein paar Tage später sind wir zusammen mit Sanjay, einem guten Freund Anantas, unterwegs im nahe gelegenen Bhanpur, einem kleinen Dorf ganz in der Nähe unserer Community. Er arbeitet bei den Elektrizitätswerken, gehört zur indischen Mittelschicht, ist gebildet, lebt sein Leben als Hindu. Wenn seine Freunde am Wochenende zum Feiern ausgehen, hilft er - oft zum Spott dieser - selbstlos Menschen, denen es bedeutend schlechter geht. Er sieht die Ungerechtigkeiten und die Korruption und will das nicht hinnehmen. Seit Wochen fährt er in die umliegenden Dörfer und sucht nach den Übersechzigjährigen. Ihnen stehen nach einem Regierungsbeschluss eine Pension von 200 Rupie monatlich, das sind zirka 4 Euro, sowie kostenlos Reis und Dal zu. Bhumi Nag zum Beispiel. Ihr genaues Alter weiß niemand. Einen Ausweis hat sie wie alle dieser Generation nicht, nur ein Dokument von der „Election Commission India“ (Wahlschein) von 1994. Der weist zu dieser Zeit ein Alter von 75 Jahren aus, also könnte sie zirka 92 sein. Ihr Gesicht ist von der Sonne gezeichnet. Ihre Brüste hängen schlaff, die Rippen sind deutlich zu sehen und sie hockt auf dem mit Kuhdung verfestigten Boden vor ihrem Lehmhaus. Dennoch strahlt sie eine gewisse Erfüllung aus, etwas Geheimnisvolles umgibt sie, Stolz, die Aura eines Menschen, der sein Leben gelebt hat und nun ohne Angst und voller Gleichmut auf das Danach wartet. Ihre Augen sind weit geöffnet und hell. Sie machen nicht den Eindruck, als würden sie sich bald für immer schließen und so beantwortet sie alle Fragen Sanjay‘ s. Er registriert alles in seinem kleinen Buch. Später wird er diese Daten in den Computer eingeben und dem Kollektor (Landrat) übergeben. Der hat angekündigt, dass er jeden einzelnen Fall überprüfen wird. An diesem Tag besuchen wir 50 Männer und Frauen von 60 bis 103 Jahren. Seine Arbeit wird noch ein paar weitere Wochen in Anspruch nehmen und am Ende, so schätzt er, werden es wohl um die 1000 sein, die er melden kann.
Es ist schwülwarm, wir sitzen im Zug nach Bhubaneswar, der Hauptstadt Orissas, um Mister Pradeep Mahji zu treffen. Ananta hat ihn angerufen und um Unterstützung für unser Visaproblem gebeten. Ausländer bekommen in Indien nur sehr schwer ein längeres Visum. Nach dem Terrorangriff von Bombay vor drei Jahren verschärften die Behörden die Einreisebestimmungen derart, dass jeder Ausländer nach längstens 180 Tagen das Land verlassen muss. Frühestens nach zwei Monaten kann eine erneute Einreise erfolgen. Als Mitglied im Ausschuss für äußere Angelegenheiten hat er direkten Kontakt ins Ministerium und möchte sich persönlich einsetzen. Wir haben das Gespräch im Trident- Hilton Hotel genutzt, um ihn über unsere Planungen in Vishwaneedam zum Bau eines Heimes für Waisen und Tribalkinder zu informieren und zeigten ihm die Bilder vom Mädchenheim in Turla. Er schien betroffen und versicherte uns erneut zu helfen. Pradeep Majhi, der selbst aus einer Tribal- Familie kommt, hat sich auf seine persönlichen Fahnen geschrieben, wirksame Hilfe zu leisten. Erst im März diesen Jahres ist er für mehrere Tage in den Hungerstreik gegangen, da in seiner Heimatregion im Süden Orissas schlechter Reis und Dal mit Unmengen an Ungeziefer an Bedürftige verteilt wurde. Mit dieser Aktion erregte er großes Aufsehen. In Orissa ist er als Politiker sehr beliebt und einige sehen ihn schon als den künftigen Ministerpräsidenten im Land. Als Chef der Jugendorganisation der indischen Kongresspartei genießt er vor allem bei der jungen Generation großes Ansehen.
Ramprasad ist heute elf Jahre alt. Ein aufgeweckter Junge, handwerklich begabt, mit einem Händchen für alles was mit Natur zu tun hat, ein guter Farmerjunge, kann sogar ein wenig Englisch sprechen. In der privaten Schule in Dhandamunda, die er die letzten zwei Jahre besuchte, wollten sie ihn nicht mehr haben. Er stört die anderen Kinder beim Lernen, so meinten die Lehrer. Da er nicht so richtig mitkam, hat er mehrere Klassen wiederholt und ist viel zu alt für seine Mitschüler geworden. Nun geht er für drei Tage die Woche in die Gaiatreeschool. Hier bekommt er individuelle Aufgaben und arbeitet viel an praktischen Sachen. Das kann er gut.
Mit Beginn dieses Schuljahres werden zwei weiteren Waisenkindern in die Gaiatreeschool aufgenommen. So wird sich in den nächsten Jahren die Zahl bis auf 10 erweitern. Sie werden wie Ramprasad in der Community zusammen mit den anderen Kindern leben und mit ihnen in die Schule gehen. Der praxisorientierte und integrative Unterricht soll die Kinder befähigen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Anantas Traum von einem besseren Orissa kann so ein Stückweit Realität werden.
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Ausnahmezustand für eine Nacht

„Wir sind die Welt.“, so titelt die indische Boulevardpresse am Tag danach. Indien hat Anfang April die Kricketweltmeisterschaft gewonnen. In den Metropolen in Mumbai, Delhi oder Kalkutta wird in der Nacht ausgelassen gefeiert, die Straßen sind voll von Menschen, es wird gesungen und getanzt. Ein ganzes Volk ist im Rausch- Ausnahmezustand. Zum Halbfinale zwei Tage zuvor, als Indien den Erzfeind Pakistan besiegte, gab es lokale Ausschreitungen und Gewalt.
Auch in unserem Nachbardorf Danamal drängen sich kricketinteressierte Männer vor den Bildschirmen zusammen. Es gibt einige, die inzwischen einen Fernseher haben, so auch die Familie des vierjährigen Samya, ein schmächtiger kleiner Bursche, der in unsere Gaiatreeschool geht. Wie die meisten kleinen Inder in seinem Alter träumt auch er davon, eines Tages als Batsman (Schläger) oder Bowler (Werfer) im Boundary (Kricketspielfeld) zu stehen um Punkte oder Runs für sein Land zu schlagen. Samyas Vater kann als Taxifahrer ein regelmäßiges Einkommen nach Hause bringen. 1200 Rupie im Monat, das sind zirka 25 Euro. Die müssen reichen, um die Familie zu ernähren. Auch für indische Verhältnisse ist das sehr wenig. Seine Mutter ist zu Hause mit den zwei Kindern.

Als das Spiel nach knapp neun Stunden zu Ende geht, jubelt eine ganze Nation und feiert ihre Helden. Heldentaten verrichten tagtäglich die etwa 70% der Bevölkerung Indiens, die auf dem Lande leben.
Harry zum Beispiel, Samyas Onkel, der mit seinen zwei Kindern gleich nebenan wohnt, verlässt das Haus morgens 3:00 Uhr um Backsteine aus Lehm zu formen, zu trocknen und anschließend zu brennen. Kurz vor der großen Hitze im Mai ist das eine gute Einnahmequelle. Der Lehm ist noch weich und die intensive Sonne trocknet die vorgeformten Quader schnell. Für jeden Stein gibt’s dann eine Rupie. Insgesamt 7500 wird er herstellen. Seine Steine kaufen wir ihm diesmal ab, um auf unserem Schulgelände ein kleines Familienhaus zu bauen. Dort wird dann eine Farmerfamilie einziehen, die uns bei der Kultivierung unseres geplanten Ökogartens hilft und gleichzeitig unsere Schule bewacht.
Die meisten Familien in Danamal arbeiten als Farmer. Sie haben etwas Land und bewirtschaften dieses zur Eigenversorgung. Gemüse, Dal (Linsen) und Getreide werden jetzt angebaut. Die Ernte muss vor dem Monsun Anfang Juli eingebracht sein. Dann werden Reispflanzen gesetzt. Der Monsun mit seinem lebensspendenden Wasser auf der einen und den verheerenden Fluten auf der anderen Seite bestimmt den Jahresrhythmus hier auf dem Land.
Viele der Frauen aus den umliegenden Dörfern sind jetzt mit dem Aufsammeln der Früchte des Mahua-Baumes beschäftigt. Dazu gehen sie für mehrere Tage in die nahegelegenen Berge von Harishankar. 17 bis 18 Rupien bringt ein Kilo Trockenfrüchte ein. Im April ist das oft die einzige Einnahmequelle für sie. Die Früchte werden dann zur Herstellung von hochprozentigem Alkohol verwendet, der ein großes Problem darstellt. Vor einem Monat ist der Vater von Sadananta – Lehrer an unserer Schule – plötzlich über Nacht verstorben, nachdem er heftiges Sodbrennen hatte. Es wird vermutet, dass er den Alkohol unverdünnt getrunken und sich dadurch mehr und mehr seine Magenschleimhaut aufgelöst hat. Das Brennen von Alkohol ist streng verboten und wird sogar mit Gefängnisstrafen geahndet.
Ein zweites Problem können wir allabendlich von Vishwaneedam aus beobachten. Die Frauen legen an den Hängen riesige Feuer, um die Laubschicht zu beseitigen. Das erleichtert ihnen das Aufsammeln der kleinen gelben, fürchterlich stinkenden Früchte. Die Brandrodung vernichtet aber nicht nur die Laubschicht, sondern auch das Unterholz und die Kraut- und Strauchschicht des hochsensiblen Waldes. In den Bergen von Harishankar wachsen endemische Pflanzen, die zur Herstellung ayurvedischer Medizin (traditionelle indische Medizin) verwendet werden. Der indische Staat verbietet deshalb strickt die Brandrodung. Aber die Verantwortlichen in diesem Teil Orissas schauen zu oder besser weg.
Dabei sind die Probleme im District Balangir, wie die extreme Armut, Hunger, Malaria oder der niedriger Bildungsstand längst bekannt. Schon vor Jahren wurde dazu eine Stabsstelle mit eigenem Budget eingerichtet. Sie soll den Menschen vor Ort helfen und die Korruption beseitigen. In den staatlichen Förderprogrammen steht, dass jede Familie, die unterhalb der Armutsgrenze lebt (12.000 Rupien Jahreseinkommen, das sind zirka 200 Euro Zuschüsse bekommt. Für Arbeitslose stehen Jobs zur Verfügung und es gibt zinsgünstig Kleinkredite. Von all dem Geld und der Hilfe kommt aber nichts bei den Betroffenen an.
Letzte Woche rief der Kollektor vom District Balangir (vergleichbar Landrat) bei Ananta an und bat ihn um Unterstützung. Er hat von den Aktivitäten in Vishwaneedam erfahren und möchte diese gern unterstützen. In den nächsten Wochen werden wir nun in den Nachbardörfern hilfebedürftige Familien ausfindig machen und sie direkt an die Stabsstelle melden. In unserer Gaiatreeschool betrifft das schon allein 10 von 12 Familien. Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass dies ein Ausnahmezustand ist und das in Zukunft auch für diese Menschen Hoffnung besteht.

Leh – dem Himmel ein Stück näher in der SZ vom 01. September 2011

Die kleine Maschine der indischen JET Airways hebt pünktlich um halb sieben vom neuen Terminal 3 in New Delhi ab. Irgendwo hinter den massigen Monsunwolken geht gerade die Sonne auf. Wie schon im vergangenen Jahr fliehen wir vor dem Regen in Orissa. Der anderthalbstündige Flug über die Gebirgsketten des Himalajas hinauf auf 3500 Meter nach Leh, der größten Stadt der nördlichsten Provinz Indiens – Ladakh - gehört zu den atemberaubendsten auf der ganzen Welt. Die schneebedeckten Gipfel der ersten 7000er scheinen fast die Flügel unserer Boeing zu berühren.
Wir trösten uns mit der Tatsache, dass nur speziell ausgebildete Piloten diese Strecke fliegen dürfen, da der Landeanflug auf Leh als besonders schwierig gilt. Die Blicke aus dem Fenster auf das grüne Tal des Indus rufen in mir die schlimmsten Erinnerungen hervor. Dabei schlängelt er sich friedlich, fast unschuldig durch die wüstenähnliche Moränenlandschaft. Regen gibt es hier für gewöhnlich nicht, da sich der Monsun an den ersten Gebirgsketten für normal ergießt. Kaum vorstellbar, was sich vor genau einem Jahr, zeitgleich zu dem Hochwasser an der Neiße, hier abgespielt hat, als sich der Indus und seine aus den Bergen kommenden Nebenarme in reißende Ströme verwandelten und alles Leben unter sich verbargen. Die zuvor tagelang anhaltenden Gewitterregen ließen so metergroße Felsgesteine wie Luftballons rollen, die Schlammfluten von den Berghängen rissen Häuser und ganze Dörfer mit sich, alle Zufahrtsstraßen wurden von dem Geröllschutt zerstört und schnitten die gesamte Region für mehrere Wochen von der Außenwelt ab. Mehr als 500 Menschen kamen in den Fluten um, zehntausende verloren alles, was sie zuvor ihr Eigen nannten. Besonders betroffen waren die Exiltibeter um das kleine Dorf Choglamsa. Hier konnten wir den Betroffenen helfen und schaufelten mehrere Tage den Schlamm aus den noch übrig gebliebenen Häusern. Am Tag unseres Abfluges Mitte August letzten Jahres besuchte der indische Premierminister die Provinz und gab sein Wort, dass jeder Betroffene zum Winterbeginn ein Dach über dem Kopf haben wird. Wir waren skeptisch, da Überreibung und Selbstüberschätzung in Indien als Kavaliersdelikt gelten und so eine Art Volkskrankheit sind. Sollten wir diesmal eines besseren belehrt werden?
Mit uns in der Maschine sitzen Annett und Kristin mit ihrer Tochter, zwei Lehrerinnen aus der Schkola. Auf sie wirken unsere Berichte unglaublich, ja irreal. Erst als wir uns die Bilder von der Katastrophe anschauen, erahnen auch sie das Ausmaß dieser Naturgewalten. Gemeinsam werden wir uns die Orte des Geschehens ansehen. Unsere Fahrt führt uns aber als erstes zu Nurboo und seiner Familie. Sie leben von den Einnahmen ihres kleinen Gästehauses, und verkaufen während der Erntezeit das frisch geerntete Gemüse aus ihrem Garten auf dem Markt in Leh. Bei Ihnen haben wir die meiste Zeit gewohnt und teilten unser Schicksal in Tagen der Flut. Sie waren es, die uns in der Nacht des 7. August ein Jahr zuvor auf den nahe gelegenen Berg mit der Shanti-Stupa schicken, da sie eine Vorahnung hatten. Kurz darauf verwüstete der kleine Fluss Chanspa den gesamten Garten und bedeckte ihn mit seinem Schlamm. Teile des für Ladakh typischen Lehmhauses wurden weggespült und machten es unbewohnbar. Ein Jahr haben wir nichts voneinander gehört, obwohl wir Karten und Briefe mit Fotos schickten.
Nurboos Mutter fällt uns um den Hals, bietet uns Tee an und zeigt uns schließlich stolz ihre Schrankwand mit unserem eingerahmten Familienfoto. Es ist als wären wir niemals weggefahren. Tränen fließen und wir liegen uns in den Armen. Die Schäden am Haus sind alle beseitigt, der Garten grünt wieder als ob nichts gewesen wäre. Nurboos Papa berichtet, dass große Bulldozer kamen, Helfer von der Regierung unterstützen die Familie beim Aufbau des zerstörten Hauses, der aus dem Bett geratene Fluss wurde wieder dorthin zurück gelenkt. Die Familie hat 1 Lakh Rupie (zirka 1600 Euro) als Entschädigung von der Regierung bekommen. Das ist mehr als sie sich jemals erträumt hatten. Für ladakhische Verhältnisse ein Vermögen. Sie haben das ganze Geld gar nicht gebraucht, so berichte er stolz. Wir freuen uns mit ihnen und beziehen unser Zimmer wie im letzten Jahr. Von unserem Fenster aus blicken wir auf den Shanti-Stupa. Wir sind glücklich wieder in Ladakh zu sein, dem Himmel ein ganzes Stück näher.
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Durgafestival- Indiens Frauenpower in der SZ vom Oktober 2011

Tausende von Pilgern, Neugierigen und Touristen füllen die Grandroad vor dem Jaganath- Tempel in Puri, an der Küste Orissas. Es ist der Letzte von zehn ereignisreichenTagen, mit dem die Hindus im Norden Indiens den siegreichen Kampf Durgas, der achtarmigen Göttin der Vollkommenheit, über den Büffeldämon Mahisasura zelebrieren. Noch bevor die Sonne aufgeht, werden die Anhänger in einer prunkvollen Prozession zum Strand ziehen und die zuvor in wochenlanger akribischer Arbeit kunstvoll gestalteten Götterstatuen dem bengalischen Meer übergeben. Damit symbolisieren sie die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und den Beginn für Neues. Heutzutage geht die Bedeutung der Durga Puja weit über den religiösen Aspekt hinaus und ist ein gesellschaftliches Ereignis im Jahreslauf der Inder. Überall auf den Straßen, in Einkaufszentren und Wohngebieten in den Städten und Dörfern wird das Treiben der Dämonen, die Ankunft der Götter und schließlich der überirdische Kampf Durgas, bei dem sie dem Mythos nach mit den Füßen die Erde und mit dem Kopf den Himmel berührte und mit ihren 1000 Armen das Universum durchdrang, nachgespielt und getanzt. Brahmanen (hinduistische Priester) rezitieren allabendlich Mantras - in Versen gefasste Gebete - und sprechen heilige Formeln. Zu den speziell dafür hergerichteten Altären und Bühnen aus Stoff, Bambusstangen und Tüchern kommen überwiegend Frauen in neu gekauften Saris.
Es ist ihre Zeit! Durga – auch als Mahadevi – große Göttin oder Allmutter verehrt, hat als einzige Göttin im Hinduismus keine männliche Entsprechung. So verkörpert sie für viele Inderinnen auch den Wunsch nach Freiheit, mehr Selbstvertrauen und Entschlossenheit. Eigenschaften, wie sie heute nur selten in der von Männern dominierten indischen Gesellschaft zu finden sind. Die Rolle der Frau – wie alles in diesem riesigen Land – ist regional sehr unterschiedlich. So ist in den großen Metropolen durch den westlichen Einfluss und höhere Bildung eine Gleichberechtigung der Geschlechter im Ansatz erkennbar. Junge Frauen kleiden sich selbstbewusst und modern und genießen sichtbar den öffentlichen Auftritt. Liebeshochzeiten sind keine Ausnahme und junge Paare gehen Arm in Arm auf dem Connaught Platz in Delhi spazieren. Aber schon auf der Zugfahrt von Delhi nach Orissa hat der Reisende den Eindruck, sich in einer frauenlosen Gesellschaft zu bewegen, wenn nicht an den zahlreichen Baustellen schmächtig–graziöse, in farbenfrohe Saris gehüllte Körper Sand und andere schwere Baustoffe auf ihren Köpfen von A nach B balancieren würden. Auf den Märkten und Straßen in den Dörfern das gleiche Bild. Überall Männer als Schneider, Barbier, Verkäufer, Anwalt, Arzt oder Lehrer. Sie sind die Ernährer, bringen das Geld nach Hause und beherrschen das gesellschaftliche Leben in Indien.
Mädchen gelten bis heute als minderwertig. Solange sie nicht verheiratet sind, werden sie als Last empfunden und müssen im Haushalt hart mit arbeiten. Die ehelichen Pflichten einer Frau sind erst dann vollends erfüllt, wenn sie einen Erben geboren hat. Während die Jungen von den Eltern hofiert werden, stehen die heranwachsenden Mädchen oft am Rand der Gesellschaft. Mit dem Tag der Hochzeit verlassen sie schließlich das vertraute Elternhaus und ziehen zur Familie des Mannes, wo sie sich den dortigen Gepflogenheiten unterzuordnen haben. In den lokalen Zeitungen finden sich nicht selten Todesanzeigen von jüngeren Frauen, die auf mysteriöse Weise umgekommen sind. So auch in unserem unmittelbaren Umfeld. Vor einem Monat erreichte uns die Nachricht, dass die Frau von Anus Bruders (Anu lebt in unserer Community), der erst im Mai geheiratet hatte (Bericht in der SZ), Selbstmord begangen hat. Sie war schwanger und erwartete zum Jahresende ein Kind. Ihr Ehemann ist seit dem im Gefängnis. Die wahre Todesursache wird wohl niemand jemals erfahren.
In unserer Gaiatreeschool sind auch noch zwei Tage nach Beendigung der Puja Ferien, da es Tradition in ganz Orissa ist, dass die Ehefrauen während der Festtage mit ihren Kindern ihr Elternhaus besuchen. Eine willkommene Abwechslung im Alltag. Mit den täglichen Ritualen, den stillen Gebeten, den Mantras und verschiedenen Pujas werden sie für das kommende Jahr gesegnet. Am zehnten und letzten Tag, auch Vijaya – Tag des Sieges – genannt, schwenken sie dann die Butterlampe im Antlitz von Durga. Der Brahmane bestreicht ihre Stirn mit Sindur, einem roten Puder, und bittet sie im nächsten Jahr wieder zu kommen. Dabei wünscht er ihnen ein „Glückliches Vijaya“.

Anjale- ein Geschenk für Gott - Indiens ungeliebte Kinder in der SZ am 17. November 2011

Es ist 19:00 Uhr als Ananta uns bittet mit ins 15 km entfernte Dhandamunda zu fahren. Ein Notfall. Als wir uns eine halbe Stunde später durch die kleinen Gassen zum Haus von Rinus Familie durchtasten, ist es schon längst dunkel. Es scheint alles normal, bis wir das Bündel Fleisch auf dem Arm von Rinus Mutter entdecken. Wir können es kaum glauben. So etwas kannten wir bisher nur von Bildern in Zeitungen oder aus dem Fernsehen. Das Baby ist sieben Tage alt und wiegt gerade mal 1,3 Kilo. Bei der Geburt, so Rinu die Mutter, wog es noch knapp zwei Kilo. In den ersten zwei Tagen hat es noch getrunken, seit dem nicht mehr, erfahren wir später. Das in ein Tuch gewickelte Baby erbricht immer wieder und hat Durchfall. Die Veranda ist voll mit Moskitos und es ist schwül heiß.
Der aufgeblähte Bauch des kleinen Mädchens weist deutliche Zeichen von Unterernährung auf. Die dünnen Ärmchen und Beinchen stecken bewegungslos in dem winzigen Körper. Dazu kommt eine vereiterte Entzündung am Nabel. Diese rührt von den Ritualverbrennungen die bis heute bei den Tribels - den Ureinwohnern – weit verbreitet sind. Von Medizinmännern werden den Neugeborenen rund um den Bauchnabel mit einer glühend heißen Eisennadel Punkte eingebrannt. Damit sollen den Kinderleibern Dämonen, Krankheiten und böse Geister ausgetrieben werden. Die Kinder erleiden unsägliche Schmerzen, viele sterben dabei. Bis zu zwanzig solcher Fälle kommen wöchentlich ins Hospital nach Bolangier, der Distrikthauptstadt, erzählt uns der leitende Kinderarzt noch in der Nacht. Wir stehen fassungslos und starren auf das Mädchen. Ein kurzer Blickkontakt genügt und wir sind uns einig, dass wir sofort ins Krankenhaus müssen. Ananta ruft ein Taxi. Zu diesem Zeitpunkt sind wir uns nicht sicher ob das Mädchen die Fahrt bis nach Patnagarth überleben wird. Es dauert mehr als eine halbe Stunde, bis endlich das Auto vorfährt. Wichtige Minuten verstreichen. Als wir im Wagen sitzen erzählt uns Twinkle, Anantas Frau, die Hintergründe.
Rinu, die Mutter des Mädchens, wurde vor knapp einem Jahr nach Delhi verheiratet. Ihr Mann hat sie geschlagen und misshandelt, bis sie sich schließlich entschlossen hat zu fliehen. Die Rückkehr ins Elternhaus- eine Schande für sie und für die ganze Familie. Das ungeliebte Kind, ein Bastard ohne Zukunft.
Als wir das Krankenhaus in der 30 km entfernten Stadt erreichen ist es 22:00 Uhr. Mit dem Kind auf dem Arm suchen wir einen Arzt. Als Ausländer werden wir bevorzugt behandelt. Der Arzt hört den regungslosen Kinderleib ab. Es beginnt zu schreien, dabei verschluckt es sich immer wieder und erbricht schließlich. Woher nimmt es nur die Kraft? Wenige Minuten später suchen zwei Helfer mit einer Kanüle an Armen und Beinen blutführende Gefäßen, um eine Infusionsnadel anzusetzen, damit dem Baby zunächst Flüssigkeit zugeführt werden kann. Mehr können die Ärzte in dem Provinzkrankenhaus nicht machen. Wir müssen weiter ins 40 km entfernte Bolangier. Indes bemüht sich Ananta einen Kinderarzt im dortigen Krankenhaus ausfindig zu machen. Wir haben Glück, dass wir Weiße sind, denn normalerweise ist dort nachts niemand. Gegen Mitternacht können wir endlich aufatmen. Unser Baby liegt in einem Wärmebettchen, bekommt Antibiotika und Streicheleinheiten. Letzteres vielleicht das erste Mal in seinem Leben. Nach den Strapazen der letzten Tage scheint es das erste Mal glücklich. Es hat die Augen weit geöffnet. Der Arzt meint, dass sie überleben wird. Mindestens sieben Tage auf Station, solange bis es wieder die Kraft hat Muttermilch zu saugen. Wir bezahlen die Medizin, gerade mal 600 Rupie (10 Euro). Die Behandlung im staatlichen Hospital ist frei.
Auf dem Nachhauseweg suchen wir nach Lösungen für die Mutter und das Kind. Zurück in die Familie können sie nach unserer Auffassung nicht. Ananta und Twinkel werden ihr am nächsten Morgen das Angebot machen zu uns nach Vishwaneedam in die Community zu kommen. Hier haben beide eine Zukunft. Rinu kann sich aber nicht entscheiden, zögert und schiebt schließlich ihre Familie davor. Zwei Tage später fängt das Baby wieder an zu saugen, es scheint, dass der Arzt Recht hat. Am vierten Tag ruft uns Rinu von zuhause an. Wir sind überrascht und fassungslos, hat doch der Arzt mindestens eine Woche Krankenhaus verordnet. Sofort fahren wir nach Dhandamunda. Voller Freude, aber ohne Emotionen, erzählt uns Rinu, dass das Baby trinkt und nicht mehr bricht. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es äußerlich noch immer vollkommen dehydriert und schwach ist. Rinu bittet uns ihrem Mädchen einen Namen zu geben, schließlich hätten wir ihr das Leben zurück gegeben. Wir können noch immer nicht verstehen, dass sie nach Hause gefahren sind, vermuten aber, dass die Familie Druck ausgeübt hat. Als wir das Haus verlassen, fragt Rinus Vater Ananta nach Geld. Entsetzt lehnen wir ab, da wir alle Wissen, dass es dem Baby nichts nützt. Dafür kaufen wir Bettwäsche, Anziehsachen und Anke strickt kleine blaue Söckchen für die kalten Füßchen. Einen Namen für unser Baby haben wir auch gefunden. Anjale, kommt aus dem Sanskrit und bedeutet: Ein Geschenk für Gott.
Wir sind auf dem Weg nach Delhi, als uns unsere Tochter anruft und uns voller Freude informiert, dass wir genau eine Woche nach den Erlebnissen in Dhandamunda Großeltern geworden sind. Zu Hause erfahren wir, dass es dem Baby wieder besser geht. Wir atmen auf.
Für Rinu und ihre kleine Angale suchen wir Paten, Hilfe und Unterstützung. Auf einem separaten Konto wollen wir Spenden sammeln, die dann Beide direkt zu Guten kommen sollen.
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Entwicklungsstau am Kili

Wir sind in Freeland, einem kleinen Dorf am Fuße des Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas. Für einen Monat hat es uns auf den „schwarzen Kontinent“ nach Tansania verschlagen, um einem Freund bei der Umsetzung seiner Stiftungsidee zum Aufbau von Hilfsprojekten zur Seite zu stehen. Unsere Erfahrungen in Indien könnten hier von Nutzen sein, formulierte er und so folgten wir seiner Einladung.
Es ist zweiter Advent und wir sitzen in der kleinen Kirche der mennonitischen Gemeinde von Freeland. Steffi und Sarah aus Deutschland arbeiten hier als Freiwillige für ein Jahr, noch bis Sommer 2012. Die junge Krankenschwester und die Abiturientin übernahmen die Aufgabe als Englischlehrerinnen in der Grundschule der Gemeinde. „Das ist verdammt hart ohne jegliche Ausbildung und Vorbereitung.
Die Dreijährigen gehen da schon mal über Tische und Bänke, da sie wissen, dass wir Weißen sie nicht schlagen“, schildert uns Sarah ihre Erfahrungen der ersten Monate. Einen Lehrplan gibt es nicht und so leben die beiden Neulehrer von der Hand im Mund. Gut vorbereitet seien sie hier in Tansania angekommen, so Steffi im Gespräch. In Lesotho in den Usambara Bergen haben sie einen Monat Kisuaheli, die Landessparche, gelernt. Noch in Deutschland fanden Wochenendkurse statt, bei denen auch Ehemalige von ihrer Zeit in Afrika berichteten. Zum Jahresbeginn fahren sie zu einem Zwischenseminar nach Nairobi über die Grenze nach Kenia. Finanziert wird das über das Bundesprogramm „Weltwärts“. 150 Euro im Monat sollten sie an Spenden einwerben, dafür wird im Gegenzug alles vor Ort von ihrer christlichen Geberorganisation bezahlt.
Jedes Jahr ziehen Tausende von meist jungen Menschen in die sogenannte Dritte Welt nach Asien, Afrika oder Amerika, um in sozialen Projekten zu helfen. Ob als angehende Ärzte, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Lehrer oder Handwerker. Viele von Ihnen haben gerademal ihr Abitur in der Tasche oder sind noch beim Studium, wollen das Reisen in fremde Länder mit einer guten Sache verbinden. Dabei möchten sie andere Kulturen erleben, Erfahrungen sammeln, Selbstsicherheit gewinnen oder nur praktisch tätig sein. Der globale Entwicklungshilfemark ist voll mit Angeboten und die verschiedensten NGO’ s (Non Government Organization) ringen um die Volontäre. Für die Suchenden ist die Auswahl nicht einfach und unübersichtlich. Googelt man beispielsweise die Stichworte NGO und Asien, so kommen schon mal über 100 Treffer auf den Bildschirm. Zumeist kennen sie die Projekte nur aus dem Internet, den Hochglanzprospekten oder den oft übertriebenen Versprechungen der vermittelnden Organisationen. Die Vermittlungsbranche ist ein Riesengeschäft. In der Regel zahlen die Suchenden eine Gebühr getarnt als Sorglosinfopaket oder können Spendenpunkte sammeln. Nicht selten kommen da 1000 Euro oder mehr zusammen. Dazu kommen Flugkosten und die Lebenskosten vor Ort. In Moshi am Fuße des Kilimandscharo trafen wir drei angehende Sozialarbeiterinnen aus München. In einem Waisenhaus arbeiten sie sechs Monate lang von neun bis zwölf. Dann gibt es nichts mehr zu tun, wissen sie zu berichten. In die zehn Kinder teilen sich drei bis vier Volontäre. Die einheimischen Arbeitskräfte kommen schon gar nicht mehr, es läuft ja auch so. Kein Einzelfall, wie auch der von Björn. Er möchte Lehramt studieren und unterrichtet als einziger Englisch in einer Grundschule in Dheradum in Nordindien. Ohne Lehrplan und Materialien hangelt er sich völlig überfordert durch die sechzig Kinder starke Klasse und erkennt darin keinen Sinn mehr. So laufen die oft gut gemeinten Absichten nicht selten am Ziel vorbei.
In Tansania zu helfen ist gar nicht so einfach. Auf unserer Reise durch die Städte, aber auch entlegenen Dörfer finden wir fast überall ausländische Geldgeber hinter den Projekten in Schulen, Krankenhäusern, der AIDS–Hilfe oder Dorfentwicklung. Das Land gehört sicherlich nicht zu den ärmsten, betrachtet man nur beispielsweise die nagelneuen Toyota Landrover der Polizei. Wie so häufig kommt von der internationalen Aufbauhilfe bei den einfachen Menschen nur wenig an. Korrupte Beamte bedienen sich großzügig und bereichern sich persönlich. Halbherzige Hilfe von außen tut ihr Übriges dazu.Erst im Juni hat die Regierung die Visagebühr für die Freiwilligen von 120 auf 500 Dollar angehoben. Es entsteht der Eindruck, dass alle damit zu tun haben, dass sich ein Land wie Tansania, dessen Landeshaushalt zu knapp 50% aus sogenannten Entwicklungshilfegeldern besteht, einfach nicht entwickeln darf. Das hätte dann wohl zur Folge, dass die Geberländer ihre Zahlungen einstellen würden. Auf der Welt gibt es viele solcher Tansanias.
Umso erfreulicher ist es, das sich Menschen wie Steffi, Sarah oder Björn, trotz der äußeren Schwierigkeiten nicht abhalten lassen und Hilfe vor Ort leisten. Nicht selten stehen sie auch zu Hause in der Kritik bei Bekannten, Freunden oder Angehörigen die mit Skepsis, Neid, Angst und Unverständnis reagieren. Viele der Skeptiker haben das bereichernde Gefühl - zu Geben -, als eines der größten Geschenke vielleicht selbst nie erfahren. Ob Mitgefühl, christliche Nächstenliebe, Güte oder andere persönliche Gründe den Ausschlag geben spielt keine Rolle. Niemanden kann aber von seiner Verantwortung entbunden werden, die Angebote genau zu prüfen und Fragen zu stellen. Wer sind die verantwortlichen hinter den Projekten? Wofür wird das gespendete Geld verwendet, wie hoch ist der Anteil für Verwaltung und Gehälter? Welche konkreten Aufgaben erwarten mich vor Ort? Wie viel kostet der Aufenthalt? Solange Menschen blind vertrauen, öffnen sie die Türen für skrupellose Geldmacher und mafiose Strukturen, die es leider mehr und mehr gibt. Eine gute und gründliche Vorbereitung schafft für alle Seiten Zufriedenheit. Jeder Praktikant der von einer solchen Reise dann zurückkehrt sieht die Welt mit anderen, mit offeneren Augen, wird Dankbarkeit erleben und die leuchtenden Kinderaugen werden sie ein ganzes Leben lang begleiten.
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Mithu unser grüner Mitbewohner in der SZ vom 13. Januar 2012

„Vishwaneedam – Wo das Universum wächst“ kommt aus dem Sanskrit, der ältesten Sprache der Welt. Ananta sieht ihn als einen spirituellen Ort, eine heilige Stätte, ein Platz des ewigen Lernens. 2007 haben er und Mahadev das alte Wohnhaus nebst 15 Hektar Land von einem Sadhu – einem Entsagten – erworben.
Es war in einem erbärmlichen Zustand berichten die Beiden. Am Hauseingang stand der Opferstein, in deren Mitte immer ein Tulsistrauch (indisches Basilikum) steht. Die Hindus zelebrieren hier ihre morgendlichen Rituale, opfern Reis, Wasser und Früchte für ihre Götter. Zum Grundstück gehören auch 30 Mangobäume, ein Teich mit Enten, ein Gästehaus und reichlich Anbaufläche für Reis und Gemüse. In den zurückliegenden zwei Jahren war dies unsere Heimat. Die Bauern aus dem nahe gelegenen Dhanamal haben früher die Schlangen aus der Region, als Ehrerbietung an Shiva hier her geschafft. Im ewigen Kreislauf aus Leben und Tod steht er, neben Vishnu dem Erschaffer, Brahman dem Erhalter, für die Zerstörung und Vernichtung, als Ursprung allen Lebens.
Wir sitzen wieder einmal im Zug. Das Sechserabteil ist gut gefüllt und schnell kommen wir ins Gespräch mit den Mitreisenden. Die natürliche Neugier der Inder sorgt auch diesmal dafür, dass der halbe Wagon, neben und über uns Platz genommen hat, um uns auszufragen. Wir berichten von unserem Projekt und verteilen fleißig Flyer. Die knapp 20 Stunden Fahrt von Kalkutta nach Balangier, der Distrikthauptstadt im Westen Orissas, sind der Beginn der Reise nach Vishwaneedam. Von hier aus sind es noch einmal drei Stunden mit dem Bus nach Pathnagart und dann mit Motorrad oder Taxi eine weitere Stunde. Von Ferne erkenne ich schon den wechselfeuchten Regenwald des Gandhamangebirges an dessen Fuß unser kleiner Ashram und die Schule liegen. Als Ashram werden in Indien Wohngemeinschaften oder Communitys bezeichnet. Bei uns im Westen denkt jeder dabei an Yoga, Gurus oder religiöse Orte. Auch wenn wir jeden Morgen von 6 bis 7 Uhr Yoga praktizieren, so haben wir weder einen Guru noch einen so strengen Tagesablauf, wie der hartgesottene Indienreisende vielleicht erwartet.
Twinkel und Anu, die Frauen von Ananta und Mahadev bereiten das Frühstück vor. Wenn es Bratnudeln oder Kichadi (süßer Gries) gibt, so müssen unsere Keksreserven herhalten, wenn aber frische Chapati oder Paratha (öliger Teigfladen) mit leckeren Pickles auf dem Tisch stehen ist für uns der Tag schon fast gelaufen. Mithu, unserem kleinen grünen Mitbewohner ist es egal, was es gibt. Neugierig watschelt er von Teller zu Teller und pickt hier und da herum. Wenn er dann genug hat kommt er auf meine Schulter und beobachtet das Geschehen von oben. Mithu bedeutet auf Orya (Landessprache in Orissa) Papagei. Als Jungvogel, noch fast ohne Federn haben wir ihn von Sadhananta, einem unserer Lehrer bekommen und ihn groß gezogen. Seit dem ist er unser ständiger Wegbegleiter und überall dabei. Er ist nicht im Käfig und falls er lieber die Freiheit wünscht, kann er das jederzeit für sich in Anspruch nehmen. Während die Kinder sich in ihre grünweiße Schuluniform kleiden besprechen wir zusammen mit Cindy unserer Praktikantin die Schulwoche. Diesmal steht „Germanweek- Deutschlandwoche“ auf dem Plan. Für jede Woche haben wir über das Jahr verteilt verschiedene Themen aus Natur und dem Lebensalltag. Das praktische lernen in Projekten steht dabei im Mittelpunkt. Der Schultag beginnt immer mit jeweils 30 Minuten Mathe, Englisch und Orya.
Diese Woche wird eine ganz besondere. Mit unseren 20 Kindern wollen wir auf große Reise gehen. Dazu gilt es zunächst Sachen packen. Braucht man in Deutschland auch Sonnenbrillen und Sommerkleider oder ist es dafür zu kalt? Und wozu benutzt man eigentlich Toilettenpapier? Letzteres den Kindern zu erklären ist uns Lehrerprofis doch recht schwer gefallen und wir sind schnell zum Moskitonetz übergegangen. Angekommen auf dem neuen Kontinent feiern wir mit den Kindern typische Feste, tanzen nach Diskoklängen und wollen Weihnachtsmusik hören. Im Laufe der Woche werden wir Ostereier bemalen, Drachen bauen, Schneeflocken und Schneemänner bekleben, falten, malen und basteln. Auch ein kleiner Sprachkurs darf nicht fehlen, schließlich möchten sich die Kinder ja im Urlaubsland auch verständigen können. Da gibt es einiges zu planen und zu organisieren. Bablu, Sadhananta und Twinkel unsere einheimischen Lehrer helfen uns und werden übersetzen. Ansonsten managen sie den Schulalltag und wir stehen ihnen zur Seite. Aber diesmal ist alles anders.
Die Kinder mühten sich bei der Vorstellung in deutscher Sprache. „Isch“, „ik“, „ix heische“, „wonne“ oder „one“ ... alle möglichen Variationen waren da zu hören und wir hatten viel Spaß. Unsere Reise endete schließlich mit einem deftigen Gaumenschmaus: süße Eierkuchen mit Marmelade. Mehl, Milch, Zucker, Eier alles in eine Schüssel und dann wirbeln 20 Hände umher und rühren alles zusammen. In der Küche wartet Anu am offenen Feuer. Inzwischen deckt Anke schon den Tisch, ganz nach Knigge mit bunter Tischdecke, Besteck, Tellern und einem Strauß Blümchen. Schließlich sind wir in Deutschland und da sitzt man nicht auf dem Fußboden und isst mit den Händen. Nach den ersten missglückten Versuchen geben wir nach und das große Schmatzen kann endlich typisch indisch beginnen. Auf der Terrasse unseres Wohnhauses sitzen nun alle Bewohner, Lehrer und Kinder zusammen und für einen Augenblick fühle ich mich wie zu Hause. Mithu hat sich wie immer in der Mitte positioniert und geniest in vollen Zügen die Aufmerksamkeit. Auch er hat Geschmack an den deutschen Pfandkuchen gefunden. Schon kommen die ersten Eltern mit dem Fahrrad angeradelt, um ihre Kinder abzuholen. Aufgeregt berichten sie vom letzten Projekttag. An ihren Gesichtern können wir sehen, dass sie einen Teil ihre Reiseerlebnisse auch mit nach Hause nehmen werden.
In Kürze werden wir schon wieder auf der Rückreise nach Delhi sein. Jeweils nach 180 Tagen müssen wir Indien für zwei Monate verlassen, so die Einreisebestimmungen. So kommen wir in der Welt herum. Diesmal geht es über Malaysia nach Neuseeland. Per Mail bleiben wir in engem Kontakt mit Ananta und Cindy und erfahren so, dass Mithu kurz nach unserer Abreise in die Berge verschwunden ist und nicht wieder zurück gekommen ist.

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Von der Kunst zu Leben und zu sterben in der SZ vom 12. April 2012

Terzani Tiziano, italienischer Schriftsteller und Journalist antwortet auf die Frage, warum er so oft in Indien gewesen ist verlegen, um das Sterben zu lernen. Ob er krank sei, begegnete ihm der Fragende. Ja, wir sind doch alle Sterblich. Schon Siddhartha Gautama (400 v. Chr.), der spätere Buddha, fand auf seinem Weg der Erleuchtung heraus, dass alles Leben Leiden bedeutet und suchte nach Möglichkeiten aus diesem Kreislauf heraus. Sein mittlerer achtfacher Pfad wird heute in Indien über alle Religionen hinweg in den Dhamma Meditationszentren gelehrt. Knapp fünfzig Vipassana Zentren, wie sie genannt werden, finden sich überall auf dem Subkontinent und über einhundert auf der ganzen Welt. Sein Gründer S.N. Goenka hat offensichtlich den Nagel der Zeit getroffen, erfreuen sie sich doch immer größerer Beliebtheit.

Auch ich habe mich wieder einmal für zehn Tage in absolutes Schweigen gehüllt und bin im Dhamma Sota 100 Kilometer nördlich von New Delhi. Mit der Anmeldung zu einem solchen Retreat geht ein Jeder neben dem Verbot zu sprechen bzw. darüber hinaus nicht zu kommunizieren vier weitere Verpflichtungen ein. Nicht stehlen, nicht lügen, keine sexuellen Handlungen und das Verbot von Alkohol oder Drogen jeglicher Art. Für mich als sogenannten „alten Studenten“, da ich schon Kurse zuvor besucht habe kommt hinzu, kein Essen nach 12:00 Uhr Mittag. Der Tag beginnt morgens vier Uhr und endet am Abend um halb zehn.
Die zirka 200 Teilnehmer, überwiegend ältere Männer die den größten Teil ihres Lebens hinter sich haben, sitzen in Achterreihen angeordnet mit gekreuzten Beinen auf der ein Quadratmeter großen Matte. So manch Einer hat sich einen kleinen Thron mit zusätzlichen Decken, Polstern und Stützen gebaut, um so die nächsten sechzig Minuten des Stillsitzens irgendwie zu überstehen. Während der Meditation gilt es, die Position nicht zu verändern, um die Mitübenden nicht zu stören und Willenskraft zu zeigen. Nur so könne man Fortschritte in der Meditation erreichen und Gleichmut bewahren. Ich sitze dieses Mal in der ersten Reihe unmittelbar vor dem Assistenzlehrer. Als er, ganz in Weiß gekleidet die Halle betritt, erfüllt sich der Raum mit Ehrfurcht. Für einen kurzen Augenblick verschwinden die Gedanken an die quälende Hitze. Fühlbare 50 Grad Celsius. Die sechs Deckenventilatoren quälen sich durch die heißwarme Luft und quirlen die mit Schweiß getränkten Partikel von oben nach unten. Kurz darauf erstickt das Knattern der Rotorblätter und es kehrt absolute Stille ein. Unsere Wahrnehmungen an der Körperoberfläche sollen nicht durch unnatürliche Einflüsse verfälscht werden. „Richte die Aufmerksamkeit auf den Atem, wie er herein und herausströmt“ und „Konzentriere dich auf den kleinen Bereich zwischen Naseneingang und Oberlippe. Anice, Anice, Anice“ , so die Anweisungen des Lehrers für die nächste Stunde. Anice, ein Palwortaus der Sprache Buddhas, beschreibt die Vergänglichkeit des Universums. Alles entsteht und vergeht. Um das zu Erfahren sind wir hier. Ob das allerdings auch für Knieschmerzen gilt, mag so manch einer der Teilnehmer bezweifeln. Spätestens nach 30 Minuten beginnt das große Wackeln, Ruscheln und Stöhnen. Da kommen sogar die sitzerprobten Inder an ihre Grenzen und ich bin ein wenig Erleichtert, glaubte ich doch bis dato, dass nur wir Westler mit den Negativgenen zum langen Stillsitzen ausgestattet sind. Hinter mir nimmt die Geräuschkulisse nach 40 Minuten noch deutlicher zu. Zu den Bewegungsgeräuschen, die schon längst nicht mehr nur oberflächlich sind, kommen noch die Verschiedensten aus den unterschiedlichsten Körperöffnungen vom Kopfende bis hinunter zu den Zehenspitzen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja keine Ahnung welche grenzenlose Vielfältig und welch Einfallsreichtum, bis hin zur Schmerzgrenze, Menschen dabei entwickeln können. Goenka hat, zu meinem Bedauern, dazu keinen Verhaltenskodex erstellt und so versuche ich meine Konzentration die letzten fünfzehn Minuten bis zum erlösenden Mantra auf den Naseneingang zurück zu lenken, um die Bewegung der Atemluft zu spüren. Drei Tage werden wir Anapana, die Beobachtung des Atems üben, bevor wir dann zur eigentlichen Kerntechnik des Vipassana über gehen. Die ersten Tage vergehen diesmal sehr langsam, die Nächte sind alles andere als erholsam. Moskitos quälen mich und mein Geist will einfach nicht zur Ruhe kommen. Da wir gleichmütig sein sollen lasse ich ihnen freien Lauf und stelle mir vor, wie es wohl wäre, wenn an Deutschlands Schulen Meditation als Unterrichtsfach auf dem Stundenplan stünde. In zahlreichen Studien konnten die positiven Wirkungen auf die Psyche und den Geist, die Leistungsfähigkeit und die körperliche Entwicklung nachgewiesen werden. An den meisten indischen Schulen beginnt der Tag mit Mediation, ganz egal ob sie von Hindus,, Christen, Muslims oder anderen Religionsgemeinschaften getragen werden. In der indischen Gesellschaft ist die spirituelle und geistige Erziehung wichtiger Bestandteil im Lebensalltag bis hin ins hohe Alter. Nur wer die Kunst richtig zu Leben beherrscht, gewinnt auch die Fähigkeit in Ruhe zu sterben, das erzählt mir ein knapp neunzig jähriger Teilnehmer am Ende des Kurses. Vielleicht sind uns die Inder diesbezüglich im Kampf der Kulturen, im Wettstreit um Ressourcen und Märkte und um das Überleben unserer menschlichen Rasse einen kleinen Schritt voraus.
Bei diesen Gedanken finde ich wieder zu meiner gewohnten inneren Ruhe, kehre zurück in Samadhi, der zweiten Stufe in dieser Meditationstechnik, richte meinen Fokus auf alle Empfindungen auf der Körperoberfläche und beginne diese Stück für Stück zu beobachten. Gleichmütig, Achtsam und Aufmerksam und in dem Wissen von Anice.
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Namaste: Mit Ganesha auf Reisen

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